Washington Die First Lady war in großer Sorge: "Die Franzosen sind so berühmt für ihre Cuisine . . . dies ist das nervenaufreibendste Diner, das wir je gegeben haben." Hillary Clinton hatte Bernadette und Jacques Chirac zu Gast. Sie trug ein bodenlanges, schwarzes Samtkleid mit transparenten Ärmeln, geschneidert von Oscar de la Renta. Der New Yorker Couturier war natürlich zum Staatsempfang in das Weiße Haus eingeladen worden. Ebenso der Schauspieler Michael Douglas. In seinem neuesten Film "The American President" spielt er einen amerikanischen Präsidenten, der mit seiner Geliebten während eines Empfangs für den französischen Präsidenten hinreißend tanzt. Der Kino-Präsident könnte durchaus der richtige Präsident, Bill Clinton, sein. Aber ein bißchen weicht der Film von der Wirklichkeit ab, denn der "American President" ist Witwer, er darf sich verlieben. Als Douglas nun Jacques Chi-

rac vorgestellt wurde, erlaubte sich Clinton einen Spaß: "Sie sollten meinen Platz einnehmen", sagte er und schob den Schauspieler neben den Staatsgast. Nachdem das Protokoll wieder hergestellt war, ließ es sich der Schauspieler nicht nehmen, den Präsidenten zu fragen: "Hat Ihnen der Film gefallen?" Clintons Antwort: "Ich war entzückt."

Über ein Buch, ebenfalls vom Fakten und Fiktionen verwebenden Genre faction, äußerte sich Bill Clinton anderntags weniger enthusiastisch. Es heißt "Primary Colors", hübsch doppeldeutig entweder "Primärfarben" oder "Farben des Vorwahlkampfs". Es handelt von einem jungen Gouverneur aus einem kleinen Südstaat, der im Jahre 1992 aufbricht, um Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Der Autor nennt sich Anonymous, und niemand weiß bisher, wer er ist. Clintons Kommentar über das enthüllende Werk, dessen Held er ganz eindeutig ist: "In meinen drei Jahren in Washington ist dies das einzige Geheimnis, das nicht gelüftet wurde."

Wir gaben einander die Hand. Darin ist er genial. Die andere Hand legt er einem vielleicht auf den Ellenbogen oder auf den Bizeps: Das sind Grundbewegungen, Reflexe. Er ist an dir interessiert. Es ist ihm eine Ehre, dich kennenzulernen.

Henry Burton heißt der Ich-Erzähler, ein Schwarzer, der von Gouverneur Jack Stanton freundlich gezwungen wird, seinen Wahlkampf zu führen. George Stephanopoulos, Clintons rechte Hand (metaphorisch gesprochen), ist zwar ein Weißer, aber deutlich als Burton zu erkennen. Der anonyme Autor hat sich allerdings gut getarnt. Doch indem er sich zum Schwarzen machte, sind ihm ein paar kleine Fehler in seinem "politischen Roman" unterlaufen: Es ist immer noch undenkbar, daß sich ein schwarzer Mann in den Südstaaten mit einer weißen Frau auf das Liebeslager legt, ohne daß die Hautfarbe zur Sprache kommt. Es ist ebenso unvorstellbar, daß Hillary Clinton, pardon, Susan Stanton, einem Schwarzen die Haare "zerzaust", denn die Haare von Schwarzen sind nun einmal kraus. Ansonsten aber kennt Anonymous die Stantons/Clintons so gut, daß jeder beim großen Rätselraten über die Autorenschaft zunächst auf Stephanopoulos tippte.

Der weist das weit von sich. "Mr. President", sagt er jedesmal, wenn er wieder gefragt wird, "dies gilt Ihnen: Ich habe es nicht geschrieben." Mark Miller, Newsweek-Reporter und intimer Kenner Clintons, verneint ebenso: "Keine Zeit - ich habe gerade fünfzehn Monate der O.J.-Simpson-Hölle hinter mir." Keiner will es gewesen sein: Bob Woodward, Enthüllungsreporter der Washington Post, nicht. Mandy Grunwald, Clintons Wahlkampfberaterin, nicht. Dee Dee Myers, Clintons ehemalige Pressesprecherin, nicht. Sogar Henry Kissinger lehnt ausnahmsweise Publizität ab. Von einem Sprecher ließ er erklären: "Die Idee ist völlig absurd."

Aber alle kommen in den Farben des Wahlkampfs vor: Der Kommentator der New York Times R.W. Apple, ein großer Weinkenner, tritt als der große Weinkenner A.P. Caulley von der New York Times auf. Der fromme Gouverneur von New York, Orlando Ozio, ist unschwer als der fromme Gouverneur von New York in jener Zeit, Mario Cuomo, auszumachen. Sein Sohn Jimmy Ozio reist nach Mammoth Falls (also nach Little Rock, Clintons Gouverneurssitz), um den unbekannten Aspiranten Stanton auszukundschaften.