Jeder Monat, so bitter er auch wieder werden mag, beginnt mit einer kleinen Freude: Auf unserem Schreibtisch landet die neue Ausgabe von Theater heute, früher aus Seelze bei Hannover, heute aus Lützow bei Berlin. Dieser Februar (österr. Feber) allerdings beginnt mit einer mehr als kleinen, mit wahrhaftig einer riesengroßen Freude: Unsere einzige und beste Theaterzeitschrift nimmt das triumphale Bühnen- Comeback des Schauspielers Harald Juhnke (siehe auch Seite 49 dieser Ausgabe) zum Anlaß für ein grandioses Harald-Juhnke-Sonderheft (fünfzig von achtzig Theater heute-Seiten!). Schon das Titelbild (Juhnke mit der unvermeidlichen Havanna) ist ein absoluter Hingucker und Knüller.

Gewiß, es hat schon andere große Schauspielkünstler gegeben auf europäischem Boden, zwischen Moissi und Minetti, Sarah Bernhardt und Sepp Bierbichler. Aber unter den wirklichen Kennern ist unumstritten, wer von Thalias Söhnen und Töchtern die Nummer eins ist: Juhnke. "Die Welt", so kürzlich F. Schirrmacher in einem bewegenden Harald-Juhnke-Portrait, "wenn sie denn begreift, wer da unterihr lebt, verehrt ihren größten Künstler."

Wir können an dieser Stelle naturgemäß nur auf einige absolute Highlights des Juhnke-Specials von Theater heute hinweisen. "Die besondere Qualität von Harald liegt ganz in seinen Augen", so beispielsweise Peter Brook. "Mit jedem Glas Whisky, das er im Gespräch trinkt, wird der Abgrund tiefer, werden die Gedanken leuchtender, die sich dort hinunterwagen", so beispielsweise Ivan Nagel. Vom "Mann, den ich liebe", singt ergreifend Robert Wilson. Und Jürgen Flimm ruft fröhlich indie Theaterwelt hinaus: "12 Kölsch, 1 Whisky für Harald!"

Und sie wird weitergehen, die Harald-Juhnke-Fiesta! Denn der Schauspieler rüstet sich nun, sein theatrales Lebenswerk zu krönen. Wie wir alle wissen, ist es seit Jahren der größte Wunsch des größten Regisseurs, Peter Stein, endlich Hochhuths "Stellvertreter" in ungekürzter Form auf die Bühne zu bringen. Und bei diesem Siebzehn- Stunden-Projekt soll Harald Juhnke die Rolle des Papstes spielen! Daß für Steins Regiehonorar (Kenner sprechen von 1 Milliarde DM) der Solidaritätszuschlag auf 8,5 Prozent angehoben werden muß, sollte in einer Nation, die Kulturnation sein will, nicht diskutiert werden müssen!

Zu Juhnkes Hauptmann von Köpenick! Was aus Sicht des Theaterfachmanns hierzu zu sagen ist, sagt unser Theaterfachmann in diesem Feuilleton. Uns, die wir das Theater immer nur mit Kinderaugen betrachten können, hat natürlich der Schluß am tiefsten erschüttert. Wie Juhnke ganz allein an der Rampe steht, wie sein Blick hinausschweift ins Unendliche und wie er dann ganz leise, wie ein stilles Gebet, die schon klassischen letzten Zuckmayer-Worte spricht: "Gerechtigkeit für Serbien!" Und wie er dann sterbend auf die Bühnenbretter stürzt.

Da haben wir, nach langer, langer Zeit, im Theater endlich wieder geweint. Das war schön!