Blöde Frage, raunzen die Stammtischbrüder in der "Dorfschänke". Natürlich freuen sie sich, und der Bürgermeister tut es auch und der Vater von der Martina und die Mutter von der Hilde und der Verkehrsamtsleiter sowieso. Denn jedesmal, wenn eine der Damen im Slalom oder bei der Abfahrt, im Riesenslalom oder beim Super-G startet, dann fällt irgendwann auch der Name ihres Heimatorts.

Martina Ertl, Michaela Gerg-Leitner, Hilde Gerg und Annemarie Gerg werden auf die Piste gehen, wenn am 11. Februar die Alpine Skiweltmeisterschaft in der spanischen Sierra Nevada startet, und eins haben sie gemeinsam - sie stammen alle aus Lenggries.

Lenggries, die flächenmäßig größte Gemeinde Deutschlands, erstreckt sich über 242 landschaftlich wunderschön gelegene Quadratkilometer im Isarwinkel, zählt mehr als 8500 Einwohner, von denen rund 600 im Ski-Club sind, gehört zu den fünf großen bayerischen Wintersportgebieten, hat am 1556 Meter hohen Brauneck ein ganz nettes Wedelgebiet und seit 111 Jahren einen Fremdenverkehrsverein.

Neben Land- und Forstwirtschaft gehört auch der Tourismus zu den Einnahmequellen der Gemeinde. Und für den Tourismus sind die Skimädchen "eine sehr gute und kostengünstige Werbung", konstatiert mit der Ruhe des Erfolggewöhnten der Bürgermeister, der obendrein fest glaubt, "da kommen noch viele nach". Aber ist das ein Wunder in einem Ort, in dem schon die Kleinsten mit der Kindergärtnerin zum Skikurs gehen? Darum muß man auch vorsichtig mit Geschenken sein, meint der Bürgermeister. Goldmünzen kriegen sie halt, wenn sie wieder wo gesiegt haben, und einen Empfang mit Blaskapelle vor dem Rathaus.

Das paßt auch so recht zu einem Ort, der getrost als "schmuck" bezeichnet werden kann. Gediegene Häuser, Gasthöfe, die "Altwirt" heißen oder "Zur Post", als Markierungspunkt die barocke Pfarrkirche mit ihrem weithin sichtbaren Turm, von dem alle Viertelstunde die Glocke schlägt. Dazu ein paar Trachten-, Sport- und gehobenpreisige Modegeschäfte, mehrere Konditoreien, aber auch Bauernhöfe mit wettergegerbtem dunklem oder nagelneuem hellem Holz. Nicht zu vergessen ein paar Bausünden aus den siebziger Jahren, eine der offensichtlichsten das große "Arabella-Hotel". Aber "so was würde nie mehr gebaut werden", heißt es heute. Rundum ein Ort also, der sich ganz gut ins tradierte Oberbayernbild einfügt.

Die weit verstreut liegenden Gemeindeteile von Lenggries tragen Namen wie Anger, Fleck, Vorderriß, Winkl oder Wegscheid. Neben der Bahnlinie und der B 13 fließt die Isar über Kiesbänke. Wer ihrem Lauf folgt, den rauhreifgepuderte Bäume flankieren, stößt schließlich bis an die Grenzen der Gemeinde, aber erst einmal auf den Ortsteil Wegscheid. Dort liegen auch die Übungslifte an den breit auslaufenden Hängen; sie mußten still warten, bis der Schnee Ende Januar wieder fiel. Der Skitrubel hatte eine Atempause - und viel Geld ging verloren.

Auf dem Draxlhof, direkt bei den Liftanlagen, ist Michaela Gerg aufgewachsen, die seit den frühen achtziger Jahren beständig im Rennzirkus auftritt, jetzt Gerg-Leitner heißt, nur noch mit ihrem Mann trainiert statt mit der deutschen Mannschaft und von der in diesem Winter nicht mehr ganz soviel die Rede ist. Ihre Autogrammkarten jedoch sind die gefragtesten im Verkehrsamt.