Wäre Nadim Khoury zur Herstellung von Olivenöl in seine Heimat zurückgekehrt, hätte das perfekte Schlagzeilen ergeben: "Wohlhabender Palästinenser aus der Diaspora investiert zu Hause - im Land der Ölbäume". Weil sich der 36jährige Unternehmer aber für das Gewerbe des Bierbrauens entschieden hat, wollen die palästinensischen Zeitungen derzeit weder über ihn berichten noch seine Anzeigen drucken.

Von der Idee hatte er schon als Teenager in seinem kleinen Dorf Taybeh im Westjordanland geträumt: ein palästinensisches Bier zu brauen, das auch in Israel verkauft würde. Als im Herbst 1993 das Osloer Friedensabkommen unterschrieben wurde, lebte Khoury bereits seit sechzehn Jahren in den Vereinigten Staaten. Dort hatte er Betriebswirtschaft studiert, als Student schon sein eigenes Bier gebraut und später in Boston einen Spirituosenladen aufgebaut. Seine Frau, ebenfalls eine Palästinenserin, drängte schon lange zur Rückkehr, die politische Wende war schließlich auch für Nadim Anlaß genug, "unsere vier Kinder dort aufwachsen zu lassen, wo auch wir groß geworden sind".

Nadim Khoury ignorierte die Warnrufe seiner Bekannten, die das Projekt für nicht realisierbar hielten. Alkohol für Muslime und ein nichtkoscheres Getränk für Israelis? Der leidenschaftliche Bierbrauer wußte, daß er ein Risiko einging, als er 1,2 Millionen Dollar aus dem Familienvermögen in sein Unternehmen investierte. Doch er hat auch gute Argumente: "Jährlich werden Millionen Flaschen Bier im Westjordanland getrunken." Und die Konsumenten sind längst nicht nur die Christen, die etwa fünf Prozent der palästinensischen Bevölkerung ausmachen. Außerdem werde der Friedensprozeß den Tourismus ankurbeln, und "Touristen wollen gerne lokales Bier trinken".

Dank seines unerschütterlichen Glaubens können die Palästinenser seit dem 1. August 1995 ein eigenes nationales Bier vorweisen. "Taybeh" ist nach dem Herstellungsort benannt und präsentiert sich auf dem Etikett unbescheiden als "The finest beer in the Middle East".

Auf 750 Quadratmetern im ausschließlich christlichen Dorf hat Nadim Khoury seine moderne Anlage mit Geräten aus Kanada, den Vereinigten Staaten, Deutschland und Italien aufgestellt; die Drittelliterflaschen stammen aus Portugal. Davon füllt er 50 000 pro Woche. "Und alle finden Absatz", sagt Khoury stolz.

Der gute Geschmack von Taybeh-Bier, das nach deutschem Reinheitsgebot gebraut wird, hat sich bei den Palästinensern in Jerusalem, Bethlehem und Ramallah herumgesprochen und in den schicken Tel Aviver Bars etabliert. Die Flaschen mit dem orangefarbenen Etikett findet man derzeit aber noch häufiger in israelischen Läden als in palästinensischen Supermärkten. Alkohol gibt es im Westjordanland längst nicht überall zu kaufen, und im Gaza-Streifen sind Handel und Ausschank ganz verboten.

Dennoch zögerte die palästinensische Autonomiebehörde nicht lange, Nadim Khoury eine Lizenz für sein Alkoholgewerbe im Westjordanland auszustellen. Schließlich ruft Jassir Arafat bei jeder Gelegenheit die Auslandspalästinenser dazu auf, ihr Vermögen in der Heimat anzulegen. Denn um die Wirtschaft langfristig auf die Beine zu bringen, lautet das Zauberwort - neben aller internationalen Hilfe - Privatinvestition. Die Palästinenser in der Diaspora sollen über ein Investitionspotential von 80 bis 120 Milliarden Dollar verfügen.