BERLIN. - Ein solches Szenario hat gerade noch gefehlt in der Debatte um den Mißbrauch von Sozialleistungen: Abends ins örtliche Rathaus gehen, Magnetkarte in den Automaten schieben, Geheimzahl eintippen, und schon spuckt Vater Staat die blauen Scheine nur so raus. "Sozialhilfe auf Knopfdruck", "Sozialstaat als Selbstbedienungsladen", "Abkassieren leicht gemacht". Kreuzbergs Sozialstadträtin Ingeborg Junge-Reyer hat diese Schlagzeilen schon vor sich gesehen. Am liebsten hätte sie den chromblitzenden Kasten deshalb auch unsichtbar gemacht, der seit Ende letzter Woche im Rathaus von Kreuzberg steht. Aber schließlich ist man auch stolz auf die neueste Errungenschaft: Als erstes Sozialamt der Bundesrepublik zahlt Kreuzberg Hilfebedürftigen die Sozialunterstützung am Geldautomaten aus.

Die Idee für diesen Modellversuch ist aus der Not geboren. Seit Jahren schon ist der Bezirk mit seiner Sozialhilfeempfängerquote trauriger Spitzenreiter in Deutschland. Jeder zehnte Kreuzberger ist auf die "Stütze" angewiesen. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl noch einmal um 3000 geklettert auf 17 000 Bedürftige insgesamt. Gleichgeblieben im Sozialamt ist immer nur das eine - der Personalstand.

An den Sprechtagen bietet sich deshalb das ewig gleiche Bild: Gedränge vor den Zimmertüren chronisch überlasteter Sachbearbeiter, danach ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn pünktlich um 13 Uhr macht die Bezirkskasse im Erdgeschoß nach nur vierstündiger Öffnungszeit ihre Schalter dicht. Wer sich bis dahin nicht zur Kasse vorgearbeitet hat, hat Pech gehabt. Er geht blank nach Hause. Am nächsten Morgen darf er sich wieder anstellen.

Viele Sozialhilfeempfänger bekommen ihr Geld inzwischen zwar aufs eigene Konto überwiesen. Doch rund 3000 Personen bekommen ihr Geld nach wie vor cash an der Kasse ausgezahlt.

Für sie soll das Schlangestehen jetzt vorbei sein: Von 7 bis 19 Uhr können sie mit einer kleinen Chipkarte ihr Geld abholen. Das Prinzip ist einfach und unbürokratisch: Statt eines Auszahlungsbelegs drücken die Sachbearbeiter im Sozialamt ihren "Kunden" nun eine Chipkarte zum einmaligen Gebrauch in die Hand. Die Nummer der Karten wird im Computer vermerkt, und per Online-Anschluß erhält der Automat in der Kassenhalle die weiteren Daten dazu: Name und Geburtsdatum des Hilfeempfängers, Haushaltstitel und - das wichtigste - die Höhe des Betrages.

Wer die weiße Magnetkarte in den Automatenschlitz steckt, muß innerhalb einer Minute sein Geburtsdatum als Geheimzahl eintippen - sonst schluckt der Automat die Karte gleich beim ersten Versuch. Stimmt die Ziffernfolge, dann spuckt der Kasten den einprogrammierten Geldbetrag aus und behält die Plastikkarte ein.

Noch steht Deutschlands erster "Sozialhilfeautomat" probeweise im Kreuzberger Rathaus, aber der Finanzstadtrat sieht schon jetzt "ein neues Zeitalter der Verwaltung im Umgang mit ihren Kunden" anbrechen. Seine Kollegin vom Sozialressort drückt es weniger wortgewaltig aus: "Das ist ein Stück auf dem Weg zur Normalität. Wir wollen nicht nur den Druck an der Bezirkskasse abmildern. Wir wollen auch zeigen, daß Sozialhilfeempfänger mit einer Magnetkarte umgehen können so wie wohlhabende Bankkunden auch."