Was läßt Börsenprofis unruhig auf dem Stuhl herumrutschen? Außer Rezession, Dollarschwäche und Stromausfall gibt es etwas, das sie noch viel mehr ins Schwitzen bringt: Mausefallen. Das ist leicht einzusehen. Gerade einen Börsianer kann nichts mehr beunruhigen, als daß seine Mäuse in die Falle geraten. Ärgerlich, wenn es passiert, aber ewig lockt der Käse.

Gefährdet sind vor allem die Besitzer sogenannter Nebenwerte. Minimale Marktimpulse, kleinste Börsenumsätze reichen oft aus, um den Kurs nach oben sausen oder nach unten krachen zu lassen. Der Grund: Entweder die Papiere eines Unternehmens befinden sich zu großen Teilen in festen Händen, oder aber die Aktiengesellschaft verfügt nur über ein kleines Aktienkapital.

Will man die Aktie verkaufen, weil der Kurs gestiegen ist, kann die Falle zuschnappen: Jeder will das Papier am Markt losschlagen und den Gewinn mitnehmen, das Angebot steigt, die Nachfrage bleibt aus, der Kurs fällt ins Bodenlose. Damit sitzen die Mäuse in der Falle, der Reichtum hat nur auf dem Papier gestanden.

Wer nicht in die Falle gehen will, sollte sich vor dem Aktienkauf über die Liquidität des Unternehmens informieren. Nach Ansicht des Bankhauses Schröder, Münchmeyer, Hengst und Co. (SMH) in Frankfurt sind Firmen illiquide, deren Börsenumsatz bei weniger als 15 Millionen Mark im Jahr liegt. Zudem fordert die Bank einen free float von mehr als 35 Millionen Mark als Marktkapitalisierung. Auf deutsch heißt das: Das Unternehmen muß mindestens 35 Millionen Mark von der Börse zugelassenes Kapital vorweisen könen, das sich im Streubesitz befindet, Festbesitzanteile gelten nicht. Mit diesen vergleichsweise milden Kriterien (die Deutsche Bank fordert beispielsweise eine Million Mark Börsenumsatz am Tag) fallen immer noch fast 500 der 660 notierten Unternehmen durch den Rost, gelten also als illiquide. Vorsicht Falle!

"Der deutsche Aktienmarkt ist sehr eigenartig". sagt Susanne Fromme, die sich bei SMH mit Wertpapier-Analyse beschäftigt. In der Tat. Auf die zwanzig größten deutschen Aktien entfallen mehr als achtzig Prozent aller Börsenumsätze. Die kleineren und mittleren Wertpapiere (Small und MidCaps) befinden sich in einem Teufelskeis: Sie sind nicht beliebt, weil ihre Umsätze niedrig sind und Mausefallen drohen. Also kauft sie niemand, wodurch wiederum die Umsätze niedrig bleiben. Während sich der Dax als Leitindex der größten dreißig deutschen Aktien zu neuen Rekordzahlen aufschwang, tendierten die Nebenwerte im zweiten Halbjahr 1995 in Richtung Keller.

Doch Besserung scheint in Sicht, Zeus sei Dank. Das Reformpapier der Deutschen Börse AG trug den Namen "Zeus", und dort wurde im Mai 1995 unter anderem der sogenannte MDax vorgeschlagen - ein Dax für mittlere Aktien. Seit wenigen Wochen gibt es diesen Index tatsächlich - angefangen vom Versicherungsriesen Münchener Rück bis zum Maschinenbauer Barmag erfaßt der MDax die nach Börsenumsatz und Marktkapitalisierung größten siebzig Aktien des deutschen Aktienmarktes, natürlich mit Ausnahme der dreißig Dax-Werte. Als Basisjahr gilt für den MDax 1987, genauso wie der Dax wurde er für dieses Jahr gleich tausend gesetzt. Zugleich können die MDax-Aktien über den Ibis-Computerhandel ge- und verkauft werden. Dies war bislang den Standardwerten vorbehalten. Damit erhöhen sich Tempo und Liquidität der Aktiengeschäfte, und damit auch deren Umsatz.

Warum aber sollen Börsianer wegen des MDax ruhigere Nächte haben? Weil Termingeschäfte Ruhe und Sicherheit geben. Schon bald können nämlich Futures oder Optionen auf Grundlage des MDax eingeführt werden. Bislang war es nicht möglich, sich mit Terminkontrakten vor Kursrückgängen der Nebenwerte zu schützen oder auf steigende Notierungen zu spekulieren. Anders bei Standardtiteln, hier dient der Dax als Meßlatte. Diese Funktion soll jetzt auch der MDax übernehmen. "Voraussichtlich im Juli wird es solche Terminkontrakte an der Deutschen Terminbörse geben", sagt Christoph Stübbe von der Deutschen Börse AG.