Zum Museum will der Herr aus Hamburg, nach Wolframs-Eschenbach? Da hab' ich im letzten Jahr oft einen andern Herrn hinfahren müssen, einen mit Bart, aus München. Der hat im Museum gearbeitet, manchmal war die ganze Nacht im alten Rathaus Licht zu sehen, im Morgengrauen dann hab' ich ihn nach Gunzenhausen zur Bahn gebracht. Fleißig war der Herr schon."

Während der Taxichauffeur, von Statur eher ein Sancho Pansa als ein Parzival, sich plaudernd verbreitet, gleitet das neue "Fränkische Seenland" vorüber. Blitzblank die Straßenschilder, und weiß leuchten die Fahrbahnbegrenzungen. Die Radwegdecken weisen Regen ab, das Baumgrün klart wie nie - es propert im Altmühltal. Die fränkischen Seen, technisch betrachtet Rückhaltebecken für den Main-Donau-Kanal, sind eben erst fertiggebaut und noch nicht einmal alle gefüllt. Schon blüht der Tourismus wieder.

Traditionell ist das hier Weißkrautland, teilt Sancho mit. Für die Krautfabrik arbeiten nur noch wenige Bauern, die meisten haben Ställe in Ferienwohnungen verwandelt. Für die Sommerfrischler wird die Wurst wieder im Haus geräuchert. Und wenn erst der Große Brombach-See einmal vollgelaufen ist, werden noch mehr Surfer kommen. Auf der Vogelinsel im Altmühlsee nisten wieder Störche. Als der Kanal gebaut wurde, waren sie weggeblieben. Jetzt sind die Wasservögel alle wieder da. Ein Wunder ist's schon.

Ich Wolfram aus Eschenbach. Auf dem Tourismus und der Landwirtschaft und auf vier Dichterzeilen ruht Eschenbachs Welt. Nur viermal hat Wolfram in den vierzigtausend Versen, die überliefert sind, den Ort seiner Herkunft genannt. Nicht von der Vogelweide oder vom Wolkenstein, real von dieser Welt hat er sich hergeleitet, von Eschenbach bei Ansbach im Frankenland. Darauf bestehen die Eschenbacher, das glauben sie fest. Ihr Kaplan Johann Baptist Kurz hat zu Beginn des Jahrhunderts alles erforscht und nachgewiesen, und deshalb hat König Ludwig III. von Bayern auch 1917, ein vorletztes landesväterliches Rühren war das, der Stadt Ober-Eschenbach erlaubt, sich nach ihrem "größten Sohn" Wolframs- Eschenbach zu nennen. Neuerdings gibt es nun ein Wolfram-Museum in Wolframs-Eschenbach.

Wolframs-Eschenbach hebt sich, auf einer milden Anhöhe gelegen, ein wenig aus den umliegenden Feldern. Eine Mauer umgürtet das kleine Städtchen. Nur an zwei Stellen sind moderne Siedlungen an seine mittelalterlichen Rundungen gepappt. Im tiefen Graben, wo einst schwarzes Kloakenwasser die Feinde schreckte, geleitet ein wohlgeharkter Weg zwischen Kleingärten und Mauer um den Ort. Wie seit altersher betritt man die Stadt durch ein steinernes Tor. Ein Verkehrsschild regelt die Vorfahrtsrechte für den schmalen Durchlaß. Andere Zeichen leuchten vom schlanken Münsterturm. Farbige Ziegel formen Wolframs Symbole: die Leier und die beiden auswärts gekehrten Hackebeile auf dem Schild.

Eine Mühe haben sich die Eschenbacher gemacht! Ein Kleinod an rechtschaffener Altertümlichkeit ist ihre Stadt. Fachwerk links und rechts; wo die Balken fehlen, sind sie auf die Wand gemalt. Die Gasthäuser, es gibt erstaunlich viele, sind mit Pflanzen und ornamentalem Geschlinge geschmückt. Akkurat sind die Figuren in den hellen Putz geritzt und braun ausgemalt, Sgraffiti, so frisch, daß noch die staubigen Abdrücke der Restauratorenstiefel auf dem Pflaster zu sehen sein müßten. Wie ein Hauch vom wachen Leben dringt der Geruch von Kuhdung aus den Seitengassen. Schwalben kapriolen durch den Nachmittag.

Alles in Eschenbach läuft auf den Marktplatz zu, wo Herr Wolfram in Bronze auf dem Brunnensockel trutzt. Ihn zu ehren, haben sich schmalgieblige Bürgerhäuser zum Kranz formiert. Neben Eschenbachs Weiß-Grün flappt Deutschlands Fahne schwarz und rot und gold am Mast, Sonnenlicht bricht sich an Wolframs metallener Schulter. Das Schwert in der einen und die Leier in der anderen nervigen Faust - so mußte 1861, als Maximilian II. den Brunnen stiftete, ein deutscher Minnesänger aussehen. Dick Lorbeer ums Haupt, das bärtige Kinn im Sturm der Geschichte poliert, der Reckenleib von ihrem ehernen Mantel umwallt.