Seit nunmehr zwei Jahrzehnten steht der Arbeitsmarkt fast aller frühindustrialisierten Länder im Mittelpunkt öffentlicher Auseinandersetzungen und privater Sorgen. Dabei ist es weitgehend gleichgültig, wer im Lande das Sagen hat. Ob deutsche Christ- oder - bis vor kurzem - französische Sozialdemokraten, britische Konservative oder italienische Regenbogenfraktionen - die Beschäftigungsprobleme sind überall ähnlich: selbst in Japan, Schweden und in der Schweiz.

Einzig die USA scheinen eine Ausnahme zu bilden. Hier sind seit geraumer Zeit die Erwerbstätigenquoten hoch und die Arbeitslosenquote niedrig. Doch das Volk zahlt seinen Preis. Die hohen Erwerbstätigenquoten werden erkauft mit dem sinkenden Lebensstandard immer größerer Bevölkerungsteile. Mann und Frau bringen heute mitunter weniger nach Hause als vor zwanzig Jahren der Mann alleine.

Im Vergleich zu allen diesen Ländern steht Deutschland noch recht gut da. Sowohl mit seiner Erwerbstätigen- als auch mit seiner Arbeitslosenquote befindet es sich im internationalen Vergleich im oberen Drittel. Dieses Bild wäre sogar noch etwas lichter, wenn es nicht durch die besonderen Bedingungen der neuen Bundesländer getrübt würde. Zwar ist hier die Erwerbstätigenquote, das heißt der Anteil der effektiv Arbeitenden an der Wohnbevölkerung, mittlerweile etwas höher als in den alten Bundesländern. Da aber in den neuen Bundesländern die Erwerbsneigung größer ist als in den alten, ist die Arbeitslosenquote höher.

Ursache dieser größeren Erwerbsneigung in Ostdeutschland ist das gegenüber Westdeutschland andere Erwerbsverhalten der Frauen. In Ostdeutschland streben Frauen mit fast gleicher Intensität wie Männer in eine Erwerbsarbeit, wohingegen in Westdeutschland die Erwerbsneigung namentlich älterer Frauen deutlich geringer ist als die der Männer. Wäre allerdings die Erwerbsneigung der Frauen heute die gleiche wie in den sechziger und siebziger Jahren, wäre die Zahl der Erwerbspersonen in Westdeutschland rund drei Millionen geringer und damit die Arbeitslosigkeit weit weniger brisant.

Das kann und soll nun nicht heißen: Frauen zurück an den Herd! Nur ist es auch nicht sinnvoll, eine so tiefgreifende soziokulturelle Verhaltensänderung der weiblichen Bevölkerungshälfte zu ignorieren. Tatsache ist, daß trotz gestiegener Realeinkommen das Erwerbsstreben ständig zugenommen hat oder, konkret, daß nicht nur in Deutschland jüngere, gut qualifizierte Frauen zunehmend ältere, oft weniger qualifizierte Männer aus dem Arbeitsmarkt drängen. Insoweit ist die anhaltende Beschäftigungsproblematik in den frühindustrialisierten Ländern auch Teil des unbewältigten Konfliktes über die Rollen der Geschlechter.

Freilich wäre auch bei einer befriedigenden Bewältigung dieses Konflikts die Arbeitslosigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. Denn schwerer noch als die mehr vordergründigen Schwankungen der Erwerbstätigen- und Arbeitslosenquoten wiegt die Erosion der Erwerbsarbeit, die sich hinter diesen Quoten verbirgt. Sie wird sichtbar in der Entwicklung der Normal- und Nichtnormalarbeitsverhältnisse. Bei praktisch gleicher Erwerbstätigenquote lag der Anteil von Nichtnormalarbeitsverhältnissen, also Teilzeitarbeit, geringfügiger Beschäftigung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und ähnlichem, in den sechziger Jahren bei nur etwa drei Prozent. Heute liegt er bei fast dreißig Prozent.

Zwar ist dieser Trend zunehmend ausfransender Erwerbsarbeit nicht neu. So verminderte sich in Deutschland von 1950 bis 1995 die Jahresarbeitszeit pro Erwerbstätigen recht gleichmäßig um durchschnittlich 960 Stunden, das sind 120 Arbeitstage zu je acht Stunden oder ein halbes Arbeitsjahr. Neu ist jedoch, daß zum einen die Mittel erschöpft sind, mit denen dieser Trend bislang sozialverträglich begleitet wurde, und zum anderen, daß sich dieser rasant beschleunigt hat.