Ein Emigrant erdichtet sich zwangsläufig Mythen. So erzählte ich meinen deutschen Freunden immer, die Tschechen seien keine Nationalisten. Ich wollte meine Landsleute als aufgeklärte Kosmopoliten haben, mit einem ausgeprägten Sinn für Humor und das Absurde, mit Spott für jede Art von Ideologie und Religion. Der Sozialismus der Hampelmänner schien mir nur dank dem großen Bruder im Osten so lange überleben zu können. Und war die internationalistische Erziehung im Sozialismus nicht hervorragend dazu geeignet, aus den Bürgern Weltbürger zu machen? Schon in der Schule hörte man doch ständig: Alle Menschen sind gleich. Dem restlichen stalinistischen Blödsinn würden sich die humorvollen Tschechen in Schwejks Manier schon erwehren können.

In meiner Isolation in München, wo ich heute lebe, beschönigte ich also fröhlich meine Erinnerungen. Freilich überraschte mich hin und wieder ein Besucher von jenseits des rostenden Eisernen Vorhanges, der meinem Bild nicht ganz entsprach. Als zum Beispiel ein Freund meiner Bekannten nach dem fünften Bier bei uns im Wohnzimmer zu überlegen anfing, wie man all die tschechoslowakischen Zigeuner zu Valuta machen könne. Man würde sie im Nationalpark Tatragebirge konzentrieren und den Touristen aus dem Westen als Jagdwild anbieten. Solche "Scherzchen" schrieb ich dem schwarzen tschechischen Humor zu, ich wollte nicht übertrieben politisch korrekt sein. Außerdem kam bald die samtene Revolution. Wurde sie nicht selbst zu einem Symbol der Toleranz? Und die Teilung der Tschechoslowakei! Sind da etwa nicht die duldsamen Tschechen mit ihren nationalistisch angehauchten slowakischen Brüdern vorbildlich umgegangen?

Irgendwann muß man in die eigene Grube etwas Licht lassen, sonst erblindet man. Einige Zeit nach der samtenen Revolution besuchte ich mit einem deutschen Freund Prag. Wir spazierten nachts über den Wenzelsplatz, und er wunderte sich über die Mengen an dunkelhäutigen Schwarzmarkthändlern und Zuhältern dort: Ob die Tschechen damit keine Probleme hätten? Ich lobhudelte noch über die angebotene Toleranz der tschechischen Seele, als plötzlich Scharen aufgeschreckter Zigeuner in die Nebenstraßen flüchteten, Kinder, Männer, Frauen, viele mit Babys in den Armen. In einigen Minuten war auf dem Wenzelsplatz kein einziger Zigeuner mehr zu sehen. "Was bedeutet das?" fragte mich der Deutsche. "Keine Ahnung", sagte ich.

Wir warteten. Plötzlich hallte uns eine tschechische Parole entgegen: "Zigeuner raus", und dann zog eine Horde tschechischer Skinheads Richtung Museum. An die hundert brüllende Idioten im Zentrum von Prag. Die Polizei ließ sich nicht blicken. "Das ist hier ja schlimmer als bei uns", sagte mein Freund. Ich schwieg.

Als in Rostock die Asylantenheime brannten, war ich zufällig wieder in Tschechien und hörte in der Kneipe vor dem Fernsehen Kommentare wie: So was wäre bei uns nie möglich. Seitdem sind dreißig Zigeuner von tschechischen Skinheads getötet worden. Wie sieht aber ein normaler Tscheche die Taten der Killer? 83 Prozent der Bevölkerung betrachten die Skinheads als schädlich für die Gesellschaft. (Ich hoffe, daß sich unter den restlichen 17 Prozent viele befinden, die über das Killen "nur" keine Meinung haben.)

Sind also 83 Prozent der tschechischen Bevölkerung antirassistisch eingestellt? Ich blättere durch die tschechische Presse: Statistische Untersuchungen, die die sehr hohe Kriminalität der Zigeuner bezeugen, Beschwerden der Bürger über Zigeuner in der Nachbarschaft und Berichte über kriminelle Aktivitäten der Zigeuner sind an der Tagesordnung. Im vorigen August ging durch die tschechische Presse ein Bericht mit der Überschrift: "Für Roma bruchsichere Häuser". Der Artikel handelte von den Plänen des Vorsitzenden der slowakischen Regierungspartei (Slowakische Nationale Partei) Jan Slota, die Zigeuner in selbständigen Dörfern zu konzentrieren. Ich vernahm in den tschechischen Medien keine einzige Stimme, die diese geplanten Lager in der Slowakei kritisiert hätte. Slota stellte sich "unverbrennbare und bruchsichere Häuser" vor, "in denen unsere nicht angepaßten Bürger leben, arbeiten und herumhacken könnten".

Im tschechischen Fernsehen gibt es die Sendung "Arena": Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens streiten dort mit einem Opponenten - eine Art heißer Stuhl. Am Ende der Sendung siegt in diesem Streitgespräch eine Seite, die die Zuschauer über Telephon bestimmt haben. Im vorigen Spätsommer diskutierten dort Politiker und Journalisten mit dem Vorsitzenden der tschechischen Republikaner, Miroslav Sládek. Die Parallelen zu den deutschen "Republikanern" sind erstaunlich, genauso die Ähnlichkeit der Demagogie von Sládek und Franz Schönhuber. Bei den tschechischen Reps geht es nur noch ein bißchen wilder zu: Bohuslav Kuby, der im August aus dem Abgeordnetenclub der Republikaner ausgetreten war, beklagte sich, der Vorsitzende Sládek sei ein Tyrann und schlage seine Mitarbeiter. Den Abgeordneten der Republikaner habe er verboten, ins Parlament zu gehen. Sie sollten lieber republikanische Plakate kleben. Die erklärten Gegner der tschechischen Republikaner sind Zigeuner und Deutsche - ich kann mir kaum vorstellen, daß Sládek und Schönhuber zu den beiden Gruppen die gleiche Meinung haben.