Wenn das Stichwort "Wettbewerb" fällt, fühlen sich in deutschen Landen viele berufen, ihre Überzeugung kundzutun. Schließlich ist Wettbewerb die Basis einer funktionierenden Marktwirtschaft, worauf vor allem Wissenschaftler unermüdlich verweisen. Politiker tun das auch, aber sie schauen im konkreten Fall gerne weg. Und die Praktiker? Die sind, wer könnte es ihnen verübeln, hin- und hergerissen zwischen hehren Grundsätzen und Eigennutz. Ein Glück, daß es da das Kartellamt in Berlin gibt, das unparteiisch und unangefochten über die Wettbewerbsregeln wacht.

Seit 1990 ist diese Berliner Behörde für die großen Fälle nicht mehr zuständig - und das ist gut so. Es wäre einfältig, im Europa des Binnenmarktes mit der unausweichlichen Vernetzung der Unternehmen die Respektierung des Wettbewerbs als nationale Sache zu behandeln. Ein Markt ohne Grenzen braucht einheitliche Regeln. Die setzt das europäische Wettbewerbsrecht, und die Europäische Kommission wacht darüber, daß sie auch respektiert werden.

Die immer wiederkehrende Frage heißt nur: Wo hören die kleinen Fälle auf - und wo fangen die großen an? Bisher ist Brüssel für Zusammenschlüsse von Unternehmen zuständig, sobald deren Weltumsatz 5 Milliarden Ecu (fast 10 Milliarden Mark) und ihr Umsatz innerhalb der EU 250 Millionen Ecu (also fast eine halbe Milliarde Mark) überschreitet.

Das sind die sogenannten "Aufgriffschwellen", und die sollen vor Jahresende überprüft werden. Die Kommission machte ihren Standpunkt schon jetzt publik. Sie möchte die Schwellen auf einen Umsatz von 2 Milliarden Ecu weltweit und 100 Millionen Ecu innerhalb des Binnenmarktes heruntersetzen. Mit anderen Worten: Dem Kartellamt würden (genau wie den entsprechenden Behörden in anderen Ländern) Fälle weggenommen.

Dafür spricht vieles. Wenn heute wichtige Unternehmenszusammenschlüsse angezeigt werden, dann überschreiten sie meist nationale Grenzen. Anträge auf Genehmigung müssen also in mehreren Ländern eingereicht werden. Das kostet Zeit und Geld. Zwar haben in den vergangenen Jahren fast alle EU-Länder die Fusionskontrollen geregelt, aber nicht unbedingt im gleichen Geist. Die einen sind strenger, die anderen lascher; in manchen Ländern ist der Instanzenweg lang, entsprechend kompliziert sind die Verfahren. Rechtsunsicherheit ist die Folge, und das ist für einen Markt ohne Grenzen verhängnisvoll. Also: mehr Fälle nach Brüssel!

Aber sind die Eurokraten nicht jetzt schon überfordert? Immer mehr Unternehmen melden ihre Fusionspläne an: 1990 ging es um 6 Fälle, 1993 schon um 59, im vergangenen Jahr um 113. Doch die zuständigen Beamten ernten von allen Seiten Lob für ihre Kompetenz. Auch die Fristen sind akzeptabel: Neunzig Prozent aller Fälle sind nach einem Monat erledigt. Und die Kommission versichert, die zusätzliche Arbeit sei zu verkraften, wenn bei niedrigeren Umsatzschwellen dreißig bis vierzig Fälle mehr im Jahr zu regeln sind. Von hier droht wenig Unheil.

Skeptischer macht, daß der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der sonst kaum ein gutes Haar an Brüssel läßt, die Vorstellungen der Kommission bereits als Etappensieg bejubelt. Warum sich die Wirtschaftslobby freut, ist klar: Das Berliner Kartellamt urteilt strenger als die Brüsseler Kommission, da schickt man seine Dossiers lieber in Europas Hauptstadt als an die Spree. Die Vordenker der deutschen Wettbewerbstradition formulieren das grundsätzlicher: Für Brüssel sei Wettbewerb nicht das Grundgesetz des Wirtschaftens, sondern ein Instrument unter anderen. So hätten bei konkreten Entscheidungen regional- oder industriepolitische Ambitionen gleich viel Gewicht wie die Wahrung des Wettbewerbs. Das ist für einen gestandenen deutschen Marktwirtschaftler eine unverzeihliche Häresie.