Das Ding heißt Squid: Superconducting Quantum Interference Device. Es besteht aus einem flachen, glänzenden Kopfteil, das die Gehirnströme seines Trägers registriert, und einem Aufnahmegerät, welches die erfaßten Daten auf einer Mini-Disc speichert. Wer das digitale Diadem überzieht, verwandelt sich in ein perfektes Medium - alles, was er sieht, hört, fühlt, riecht oder schmeckt, wird Bit für Bit aufgezeichnet. Und wer den Clip, der dabei entsteht, in seinem eigenen Squid-Set abspielt, schlüpft unter die Haut eines anderen Menschen - in einen Traum, so wahrhaftig wie das Leben selbst.

Was zeigen die Clips? "Alles, was du dir wünschst." Lenny Nero (Ralph Fiennes), der Squid-Händler, verkauft Träume für jeden Geschmack. Was wünscht sich der Kunde im Nadelstreifenanzug, der Lenny gegenübersitzt - einen Mord, einen Überfall, einen Sturz vom Hochhaus? Kein Problem für Lenny. Oder etwas anderes, "wovon deine Frau nichts erfahren darf"? Sex zu dritt, zu viert, Sex zwischen zwei Frauen, Sex mit Kindern, Schwarzen, Asiatinnen? Die Augen des Kunden leuchten. Lenny Nero genießt seinen Triumph: "Oh, ein jungfräuliches Gehirn!"

Ist es das? Ja. Das ist es, worauf das Kino seit Jahren immer drastischer und immer zielloser hinauswill: Sex und Gewalt, Horror und Ekstase, Schaulust und Überwältigung. Das Leben selbst, verdichtet zum visuellen Schock: ein Saurier im Wohnzimmer! Ein Serienmörder in der Dusche! Tänzerinnen ohne Slip! Dies alles, nur noch näher, noch echter, noch fühlbarer ist das Super-Kino der Zukunft: Squid.

Eine tolle Erfindung. James Cameron ("Terminator", "Aliens") hat sie sich ausgedacht und daraus eine Geschichte entwickelt, er hat ein Drehbuch geschrieben und einen Film produziert, und Kathryn Bigelow hat ihn gedreht: "Strange Days". Seltsame Tage - und seltsame Bilder. Los Angeles im Jahr 1999: Straßenkämpfe, Barrikaden, Bücherverbrennungen, Rassenhaß; Amerika im Endzeit-Fieber. "Strange Days" versucht vieles unter einen Hut zu bringen, den Blut- und den Bilderrausch, die Grunge-Musik und den Gangster-Rap, die Welt des "Blade Runner" und die Welt der sozialkritischen black movies; und weil Kathryn Bigelow ("Blue Steel", "Gefährliche Brandung") mehr von Explosionen als von Charakteren versteht, wirkt manche Wendung ihres Films von Anfang an fadenscheinig, aufgesetzt, verkrampft. Aber das ist nicht das Problem.

Das Problem ist die Geschichte selbst. Denn Cameron und sein Koautor Jay Cocks haben es nicht geschafft, eine Handlung zu erfinden, die auch nur halbwegs auf der Höhe ihrer Ausgangsidee bleibt. Statt in den Abgrund der Wünsche hineinzuleuchten, mit denen Lenny Nero Geschäfte macht, verwickeln sie ihren Helden in eine aufgemotzte crime story, in der die Squid-Clips nur noch ganz gewöhnliche Beweisstücke sind. Schon nach einer Stunde glaubt man dem Film fast nichts mehr, und wenn er nach 140 Minuten endlich Lenny und seine Freundin Mace (Angela Bassett) ins neue Jahrtausend entläßt, hat er sein eigenes Sujet viel gründlicher ruiniert als all die Autos und Fensterscheiben, die im Lauf des Geschehens zertrümmert werden. Das Kino der Tüftler hat das Kino der Visionen erstickt.

Kann sein, daß das kein Zufall ist.

Hitchcock, gefragt, welches die Voraussetzungen für einen gelungenen Spielfilm seien, antwortete, es gebe drei: ein gutes Drehbuch, ein gutes Drehbuch und ein gutes Drehbuch.