Die Geschichte ist wahr und aus Österreich: Frau Elfriede Blauensteiner vergiftet Pensionisten und sorgt sich liebevoll um deren finanzielle Überreste. Sie macht es für gewöhnlich - deshalb die Verwendung der Gegenwartsform. Derzeit tut sie es nicht. Sie ist verhindert. Sie ist verhaftet. Sie wird einvernommen. Sie ist geständig. Aber die Polizisten sind nicht zufrieden. "Sie ist eine Steherin", sagen sie. "Sie gibt nur zu, was man ihr bereits nachgewiesen hat." Im Augenblick halten die Kriminalisten der Gruppe Leib und Leben bei sechs Tötungsdelikten.

Die 65jährige Wiener Witwe - ihr Mann wurde vergiftet - ist leidenschaftliche Glücksspielerin und hat nichts mehr zu verlieren, auch nicht ihren Humor. Ihr neuer Einsatz wären weitere Geständnisse. "Wieviel zahlt's ihr mir dafür?" fragt sie die Beamten. Aber die wollen nicht. Schade. Frau Blauensteiner hätte das Geld gut gebrauchen können. Für nichts Bestimmtes. Einfach, um es zu haben und um damit herumzuwerfen. Das ist ihre Sucht. Ihr Vermögen hat angeblich einen Wert von zwanzig Millionen Schilling (drei Millionen Mark), das hat sie sich beharrlich zusammengeerbt. - Es dürften ihr doch mehr als sechs Partner gestorben sein.

Elfriede Blauensteiner war in den vergangenen Wochen für ihr Heimatland von großer Bedeutung. Im Winter zerfällt Österreich in zwei Teile. Der gebirgige Westen ist bunt wie die Ausrüstung der Ski- und Snowboardfahrer. Der flache Osten mit dem Zentrum Wien hüllt sich in dichtes Grau. Anfang November fällt der Nebel ein und hält sich wacker bis in den Frühling. Zu Allerheiligen und Allerseelen gedenken die Ostösterreicher mit den wahrscheinlich weltweit größten Sargkränzen und dicksten Grabkerzen hingebungsvoll der Toten. Von dieser Assoziation kommen sie, witterungsbedingt, bis zum Karfreitag nicht mehr weg.

Mitunter werden dabei die Lebenden vergessen. Der Wiener neigt dazu, das Fehlen des Wohnungsnachbarn erst an dessen Verwesungsgeruch zu bemerken. 1995 wurden in der Bundeshauptstadt neun solcher Fälle bekannt. Ein verstorbener Pensionist ging seinen Mitmenschen (ob der guten Durchlüftung der Wohnung) gar acht Monate nicht ab. "Er war immer sehr still", hieß es nach seiner Entdeckung. Als Belohnung erhielt er ein Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Auch die Medien des Landes suchen in der grauen Wintersaison verstärkt die Nähe zum soeben Verstorbenen. Die Boulevardpresse versorgt ihre Fangemeinden täglich mit frischen Tragödien. Zuletzt fehlten allerdings die echten "Reißer". Die Kronen Zeitung, lautestes Organ Österreichs, mußte bereits die Russen-Mafia in die Schlagzeilen bemühen. Da plötzlich, mitten in die kriminelle Flaute, platzte sie hinein: Elfriede Blauensteiner, die rüstige Wienerin, die statt Tauben alte Menschen, vorzugsweise alleinstehende Männer, vergiftet. Naturgemäß fiel das jahrelang keinem auf.

Ihretwegen werden jetzt wieder Gräber geöffnet und Leichen exhumiert. Auch das hat Wiener Tradition: Vor sieben Jahren flog die Mordserie von vier Hilfspflegerinnen des städtischen Krankenhauses Lainz auf. Sie hatten durch Einflößen des Schlafmittels Rohypnol lästige Patienten wie am Fließband von ihren Qualen befreit.

Dank Blauensteiner verfügt Österreich nun wieder über einschlägigen Gesprächsstoff fern von tristen Themen wie Regierungsbildung und Budgetsanierung. Ein waschechter "Weibsteufel" schien da entdeckt worden zu sein und knallte sechs Tage lang von den Titelseiten der Massenblätter, achtzig Jahre nach der Wiener Uraufführung des gleichnamigen Dramas des Tiroler Schriftstellers Karl Schönherr.