KÖLN. - "Wenn dr Dom fällt, is Köln kapott", zitieren die alten Kölner noch heute. Als bei einem britischen Fliegerangriff am 29. Juni 1943 weite Teile der Innenstadt zerstört wurden, gab es erstmals auch größere Schäden am Dom. Eine Sprengbombe traf das nördliche Querhaus, beschädigte die Dachkonstruktion erheblich, und herabfallende Gesteinsbrocken zerstörten die Orgel völlig. Ebenfalls beschädigt wurde der Turm an der Südseite.

Bei einem weiteren Angriff am 3. November 1943 durchschlug eine Bombe einen Strebepfeiler des Nordturms. Diesmal wackelte der Dom bedenklich. Die Kölnische Zeitung empörte sich über die "fortschreitende Barbarei der Briten" und sah in der Beschädigung eine "laute Anklage gegen die Verächter deutscher und europäischer Kultur". Unverzüglich aber, so wurden die Kölner beruhigt, bekämpften "Einsatztrupps der Partei, Feuerlöschpolizei, Sicherheitsdienst" sowie Frauen und Jugendliche die Brandherde. In den folgenden Wochen wurde die "klaffende Wunde" mit über 50 000 Steinen zugemauert.

Um diese 50 000 Ziegelsteine ist nun, fünfzig Jahre später, heftiger Streit entbrannt. Dombaumeister Arnold Wolff sieht in der "Domplombe" einen Schandfleck und möchte die Fassade wieder so haben, wie sie einst war. Der Plombe als Erinnerungsmal mißt er keine Bedeutung zu. Der Dom sei nicht der geeignete Ort für ein solches Mahnmal: "Wenn wir Frieden wollen, müssen wir heilen."

Beim Stadtkonservator hat er beantragt, die Domplombe vollständig mit Haustein zu ummanteln. So schnell wie möglich, denn in drei Jahren geht er in Pension, und zuvor möchte er sich selbst noch ein kleines Denkmal setzen. Auch Dompropst Bernard Henrichs meint: "Die Domplombe hat sich überlebt, irgendwann muß mal ein Schlußstrich gezogen werden." Dem hält Ernst Mittig, Professor für Kunstgeschichte in Berlin, entgegen: "Die Beweismittel für den Zweiten Weltkrieg werden noch gebraucht." Auch Helmut Fußbroich vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege will die Domplombe erhalten wissen - als Denk- und Mahnmal gegen den Zweiten Weltkrieg. Während diese historisch und politisch argumentieren, ziehen sich die Befürworter einer Ummantelung auf das Denkmalschutzgesetz zurück, um die politische Diskussion nicht führen zu müssen. Für sie ist die Domplombe keine "schützenswerte Kategorie im Sinne des Denkmalrechts".

Nicht die deutsche Wehrmacht, wie heute noch kolportiert wird, hat den Kölner Dom gerettet, den Auftrag erhielt bereits am 5. November 1943 der Kölner Bauunternehmer Wildermann. Da die "Sicherung des Strebepfeilers" schon im "Verkehrsinteresse" so schnell wie möglich ausgeführt werden sollte, wurden gleichzeitig mit dem Auftrag die "nötigen Materialien und zusätzlichen Arbeitskräfte ohne Verzug bewilligt". Die "Firma", so heißt es in einem Protokoll des damaligen Dombaumeisters, sei in der Lage, "5 Stammarbeiter als Führungskräfte einzusetzen", benötige aber weitere "10 Kriegsgefangene, darunter 4 Maurer, und etwa 15 KZ-Leute". Bürgermeister Robert Brandes bewilligte die Arbeiter. Die KZ-Häftlinge gehörten zur "III. SS-Baubrigade" und waren auf dem Messegelände, einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald, interniert.

Eine Gedenktafel, angebracht am Dom, könnte dies alles festhalten. Doch Dompropst Henrichs wehrt jegliches Anliegen ab: "Die Besucher des Doms haben in der Regel keinen Bezug zur Plombe."