Tiere", sagt der alte Mann, "einfach Tiere." Dann zieht er sich zurück aus dem Kreis der Gaffenden, in dessen Mitte Ingrid steht, in gebeugter Haltung, urinierend. Starr schauen Bonner Bürger zu, bis Ingrid ihre rote Hose hochzieht und sich in müdem Schwung zu ihren Freunden auf den kalten Betonboden der Bahnhofsunterwelt gesellt. Ringsum wird Empörung laut. Bis jeder seiner Wege geht.

Ich bleibe zurück. Uli, der hier offensichtlich der Chef ist, nimmt mich am Kragen. "Was willste, Kanake?" Dann etwas freundlicher: "Haste 'ne Mark für uns?" Rasierklingenscharfe Januarkälte zieht durch die unterirdischen Gänge des Bonner Bahnhofsvorplatzes, eine Örtlichkeit, die die Bonner das Bonner Loch nennen. Das Gelände, Anfang der achtziger Jahre in drei Ebenen architektonisch neu gestaltet, sollte einmal ein Anziehungspunkt für Touristen werden. Die Wirklichkeit hat es zum Wohnzimmer der Obdachlosen und Alkoholabhängigen gemacht.

Ingrid bietet mir eine Decke an, die ist verschmiert und feucht. Ein Jugendlicher fragt mich, den Ausländer, was ein "Pac" Heroin bei mir koste. Die gutangezogenen, zielbewußt vorbeieilenden Passanten erscheinen mir größer und ferner aus der neuen Perspektive. Ingrid und Hermann rücken auf. Der Geruch von Fusel und Schweiß beengt mich. Mir kommt in den Sinn, daß es nur Minuten braucht, um einer von denen zu werden, die hier von der Kälte gefressen werden.

Ingrid erzählt mir von sich. Sie ist im Erziehungsheim aufgewachsen. Ihre Eltern hat die jetzt 32jährige nie gesehen. Das Leben im Heim sei nicht schlecht gewesen. Trotzdem sei sie mit siebzehn Jahren mit ihrem Freund getürmt.

Unter der Decke zieht Ingrid eine große, leere Flasche hervor, schaut mich mit verfinsterter Stirn an und sagt: "Bring mir 'nen Korn!" Nach einem Schluck glättet sich ihr Gesicht. Sie schlägt die Decke hoch, um aufzustehen, hält kurz inne und ruft dann: "Ich hab' die Nase voll von dieser Scheißkälte!"

Nach dem nächsten Schluck Korn wickelt sich Ingrid wieder in ihre Decke ein, rückt heran. Aus einer Ecke kramt sie zwischen Plastikhüllen eine Puppe heraus. Und fängt unvermittelt an zu weinen: "Das ist mein Sohn, Pawel!" Schluchzend bringt sie heraus, daß sie "nie ein Kind" kriege, "nie". Der alte Hermann reicht ihr sein schmutziges Taschentuch und ruft dazwischen: "Deswegen hat sie diese Puppe zu ihrem Sohn gemacht." Was Ingrid empört: "Das ist keine Puppe, das ist mein Sohn Pawel. Pawel ist ein polnischer Name . . . Weißt du, das ist alles die Schuld von diesem Typ. Auf dem Papier sind wir seit vier Jahren verheiratet. Vor zwei Jahren hat er seine Arbeit verloren und vor Wut mit dem Trinken angefangen. Jeden Tag gab es Schläge in der Wohnung. Bis er mich einmal so trat, daß das Kind in meinem Bauch abging."

"Das Schwein ist nach Paris abgehauen", wirft Hermann ein. "Halt den Bagger", sagt Ingrid, "hab' ihn nie wiedergesehen. Die Miete konnte ich nicht mehr bezahlen. Seitdem lebe ich wieder auf der Straße." Nach einer Pause: "Bevor er seine Arbeit verlor, war er ganz anders."