Zum erstenmal sah ich Thambi 1984. Sein Bild stand in einem schönen, blankgeputzten Silberrahmen auf dem alten Holztisch im Wohnzimmer seiner Eltern. Er ist ein kleiner Junge von sechs Jahren, glatt gescheitelt und mit großen ernsten Augen. Thambi heißen immer die Jüngsten in tamilischen Familien, und die Sivasubramaniams waren mächtig stolz auf ihn. "Nur Einser in der Schule", schwärmte der Vater, Apotheker am Hospital in Jaffna, und die Mutter, die es als Lehrerin schon von Berufs wegen wissen mußte, ergänzte: "Er wird sicherlich mal Arzt oder vielleicht sogar Professor." Vor knapp einem Jahr hatte die Familie Colombo verlassen: blutige Pogrome gegen die Tamilen hatten sie vertrieben. Nun wohnten sie also in ihrem weitläufigen alten Haus in Jaffna. Zwei steinerne Löwen flankierten eindrucksvoll das Portal zur Straße, eine kleine Freitreppe führte hinein in die Halle mit ihren schweren dunklen Holzmöbeln; rechts die Bibliothek, dahinter der stille Innenhof, von dem die Zimmer abgingen. Es war ein gutbürgerliches Idyll unter Palmen und eingebettet in tropisches Grün.

Doch das Idyll trog. Denn inzwischen war der Krieg der Zentralregierung gegen die tamilische Befreiungsbewegung nach Jaffna gekommen, die srilankische Armee schlug brutal wie eine Besatzungssoldateska zu. Sie bekämpfte nicht nur die Tamil Tigers, sondern auch die mit ihnen sympathisierenden Zivilisten. "Die Tamilen sind schlimmer dran als die wilden Tiere. Die haben wenigstens Reservate, uns aber jagen sie wie Freiwild", empörte sich der Apotheker. Im Haus der Sivasubramaniams hatte sich eine kleine Runde zum Tee versammelt, denn vor die Tür traute sich abends niemand mehr. Auch Thambi saß da in seinen kurzen khakifarbenen Hosen und dem blütenweißen Hemd der Schuluniform. Er hörte aufmerksam zu. "Theoretisch ist ein eigener Tamilenstaat Unsinn", meinte ein weißhaariger Rechtsanwalt, "aber sie treiben uns ja geradezu in diese Richtung. Jetzt bleibt nur noch die Wahl zwischen Sklaverei und Kampf." Alle nickten. Auch der kleine Thambi.

Drei Jahre später sah ich ihn wieder. Er wollte mich unbedingt nach VVT, Valvettiturai, begleiten; das ist der Geburtsort des Tigerführers und Volkshelden Veluppilai Prabhakaran; und gerade hatte dort der Schwarze Tiger "Miller" einen mit Sprengstoff beladenen Lastwagen in ein Camp der Armee gesteuert, sich selbst mit in die Luft gejagt und ein furchtbares Blutbad angerichtet. Er war die erste lebende Bombe der Tiger.

Wir fuhren auf dem Motorrad los und fanden VVT, traumhaft gelegen an einem azurblauen Meer und unendlichen Stränden, als eine einzige Trümmerwüste wieder. "Wenn die Boys nicht wären, hätten sie auch mit uns Schluß gemacht", sagten die Leute, "die Tiger sind unser einziger Schutz." Sie berichteten, daß ihre Kinder zu Hunderten von der Armee zusammengetrieben worden waren und seitdem verschwunden waren. "Mein Kleiner war erst zehn", weinte eine Mutter. Thambi, jetzt neun Jahre alt, befand: "Man kann es nur so machen wie Hauptmann Miller." Auf dem Rückweg sahen wir an jeder Straßenecke Altäre für die gefallenen Tiger, weiße Tücher, bunte Portraits, heroische Posen. "Oberstleutnant" Anthony, "Oberstleutnant" Rada, "Leutnant" Dominic . . . Die Propagandaabteilung der Tiger hatte gute Arbeit geleistet. Am Tempel von Nallur hielten wir. Eine zehntausendköpfige Menschenmenge schaute schweigend auf ein kleines Podest, wo sich mit glasigen Augen der Student Thileepan schon fast zu Tode gefastet hatte. Die indische Armee, die als Freund und Helfer gekommen und schon längst zum Todfeind geworden war, sollte abziehen: Darum fastete er und mit ihm viele hundert andere. "Das bringt nichts", flüsterte Thambi, "man muß es machen wie Miller." Er war nun das große Vorbild des kleinen Jungen geworden. Ein paar Tage später erklärte mir Tigerführer Prabhakaran, ein kleiner, zu Dicklichkeit neigender und eher gemütlich aussehender Mann, der die tödlichste Guerilla-Armee der Welt aufgebaut hat: "Wenn man einen Krieg gewinnen will, dann muß man unnachgiebig, entschlossen und rücksichtslos sein." Als Thambi das hörte, war er begeistert. Und seine Eltern sagten: "Wahrscheinlich hat er recht."

April 1990: Die Inder waren inzwischen abgezogen. Ich saß im Zug nach Jaffna, fuhr vorbei an den Gerippen gesprengter Waggons und an rauchgeschwärzten Ruinen einer Siedlung. Dann plötzlich Halt! Kontrolle. Ein Trupp Uniformierter steigt ein, gelb-grün-braun gestreifte Tarnanzüge, um den Hals das charakteristische Erkennungszeichen, die Zyankalikapsel - niemand soll lebend in die Hände des Feindes fallen: Tiger. Ein etwa Siebzehnjähriger kommt mit einem kleinen Jungen ins Abteil, auch der in voller Montur, die schwere Kalaschnikow lässig über der Schulter, Handgranaten vor die Brust geschnallt: Thambi! "Ich bin nicht mehr Thambi, ich bin jetzt Raju", sagt er und schaut grimmig. Ich biete ihm ein Stück Schokolade an. Er zögert - dürfen Kämpfer so etwas nehmen? -, dann greift er zu. Raju ist zwölf. "Die kleinen Bengel sind die Gefährlichsten", flüstert später ein Mitreisender.

"Wir haben die drittgrößte Armee der Welt besiegt, jetzt kann uns niemand mehr etwas anhaben", verkündete Thambi/Raju später stolz, als ich ihn zufällig im Haus von Nirmala Balaratnam in Jaffna wiedertraf. Sie hatte die Friedensmärsche der Mütter organisiert, damals, als erst die srilankische Armee und dann die Inder die Kinder festgenommen hatten. Heute sind es die Tiger, die die Kinder verschwinden lassen, sie in ihren Reihen aufsaugen. Nirmala hatte auch dagegen protestiert, deshalb ist sie nicht mehr hier. Ihre Villa halb zusammengeschossen. "Wir haben das Haus beschlagnahmt. Ich wohne jetzt hier."

1993 bin ich Thambi/Raju zum letzten Mal begegnet: im Krankenhaus in Jaffna. Die Stadt war vom übrigen Sri Lanka total abgeschnitten, auf Schleichwegen durch Dschungel und über die Lagune gelangte ich dorthin - 26 Stunden für 140 Kilometer durch Tamilenland. Hier im kriegszerstörten Norden, wo es keinen Strom, ja nicht einmal Batterien und Kerzen gab, hatten die Tiger inzwischen einen faschistischen "Staat" der jugendlichen Kader errichtet. Sie kontrollierten die Menschen total - und die trauten sich nicht länger, den Mund aufzumachen. "Das Alter genießt keinen Respekt mehr", flüsterte einer mir zu.