Amnesty international hat doch recht gehabt: Die vielen Mißhandlungen von Ausländern auf deutschen Polizeiwachen sind keine Einzelfälle. Was die Menschenrechtsorganisation bereits im vergangenen Mai behauptete, bestätigen jetzt auch vier Wissenschaftler der Universitäten Münster und Trier. In ihrer Studie "Polizei und Fremde", die sie im Auftrag der Innenminister erstellt haben, stellen sie ebenso wie amnesty ein Muster der Fremdenfeindlichkeit fest: zwar kein "durchgehendes", das überall anzutreffen sei, wo zwischen Flensburg und Mittenwald Dienst geschoben werde. Aber ein Muster, das dort auftauche, wo Ordnungshüter permanentem Streß unterlägen und sieben Tage rund um die Uhr schweren körperlichen und seelischen Belastungen ausgesetzt seien: in den Großstadtrevieren, den sozialen Brennpunkten.

Für amnesty ist die halboffizielle Bestätigung ihrer These Balsam auf die Wunden. Schlimme Vorwürfe mußten sich die Organisatoren im vergangenen Sommer anhören. "Maßlos", "unverschämt", "absurd" nannten Politiker den amnesty-Bericht. Journalisten bezweifelten die Seriosität und Zuverlässigkeit der Recherche. Die International Police Association, Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, schrieb: "Wir hoffen, daß es bei amnesty international genug Mut und Fähigkeit zur Selbstkritik gibt und Sie in Ihrem nächsten Jahresbericht eine Zurücknahme der Vorwürfe veröffentlichen."

Zurücknehmen müssen die Menschenrechtsaktivisten ihre Vorwürfe nicht. Im Gegenteil. Sie haben ihren Anschuldigungen neue hinzugefügt: gegen Polizeibeamte in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Sachsen, Bremen, Hessen. Amnesty bezeichnet die mutmaßlichen Verfehlungen der Polizisten als "grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlungen". Ähnlich äußerte sich in der vergangenen Woche eine Hamburger Richterin in ihrem ersten Urteil über die Hamburger Polizeiaffäre. Sie sah es als erwiesen an, daß ein 33jähriger Polizeibeamter im Winter 1992 einen Afrikaner auf der berüchtigten Wache 11 im Stadtteil Sankt Georg mit dem Desinfektionsmittel Incidur eingesprüht hatte - vom Hals über die Achseln bis in den Genitalbereich.

Hamburg, Bremen, Frankfurt, Berlin, Bernau, Leipzig, Frankfurt an der Oder . . . die Reihe der Skandale ließe sich fortsetzen. Überall ermitteln inzwischen Staatsanwälte gegen Ordnungshüter wegen Körperverletzung im Amt, und fast immer waren die Opfer Ausländer. Das ist noch kein Beleg dafür, daß deutsche Polizisten von Natur aus Fremdenfeinde sind. Aber es ist Beweis genug dafür, daß der Beruf unter bestimmten Voraussetzungen Polizeibeamte zu Mißhandlungen von Ausländern verführt. Übrigens nicht nur in der Bundesrepublik, sagt Michael Butler von amnesty international, der im vergangenen Jahr den Deutschland-Bericht verfaßt hat. Auch in Rom, in Wien, in Brüssel, in Kopenhagen und London werden polizeiliche Übergriffe gegen Ausländer registriert. Über die Mißstände hierzulande kann das nicht hinwegtrösten.

Bereits vor drei Jahren schrieben der Soziologe Manfred Murck, der Psychologe Hans Peter Schmalzl und der Jurist Hans-Martin Zimmermann in dem Buch "Immer dazwischen, Fremdenfeindliche Gewalt und die Rolle der Polizei": Die uniformierten Beamten seien für rechtsextremes und fremdenfeindliches Gedankengut nicht anfälliger als die übrige Bevölkerung. "Richtig ist und bleibt jedoch, daß aus der Konflikthaftigkeit ihres Aufgabenfeldes heraus in der Polizei Verhärtungen und Vorurteile entstehen können." Auch die Neigung zur Selbstjustiz kann aus dem Frust erwachsen, ergänzt die neue Studie aus Münster und Trier.

Dennoch mangelt es, anders als in früheren Jahren, im Augenblick nicht am Nachwuchs: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten bietet der Polizistenjob Sicherheit. Doch in kaum einem anderen Beruf steigen so viele junge Männer und Frauen bereits während der Ausbildung wieder aus, drücken Krankheit, Tod und vorzeitiges Ausscheiden das "durchschnittliche Dienstaustrittsalter" auf 55 Jahre, in kaum einem anderen Beruf lassen sich die Menschen so häufig von ihren Ehepartnern scheiden.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Streifendienste rund um die Uhr, personelle Engpässe und massenweise Überstunden lassen kaum Zeit für Privatleben. Die Gehälter sind in den vergangenen Jahren zwar in allen Bundesländern angehoben worden, aber in teuren Metropolen wie Frankfurt und München reicht das kaum, um eine Familie zu ernähren. Interne Untersuchungen haben ergeben, daß in einigen Großstädten fast jeder dritte Polizeibeamte nach Schichtende weiterarbeiten muß: als Heizungsableser oder Versicherungsvertreter, als Hausmeister oder Fahrlehrer. Genervt sind viele Uniformträger auch von ihren vorsintflutlichen Arbeitsbedingungen. Nur schleppend machen mechanische Schreibmaschinen modernen Computern Platz; Geld fehlt auch für neue Dienstwagen und für die Einstellung zusätzlicher Sekretärinnen.