In deutschen Medien kommen iranische Frauen entweder als Opfer vor oder als Täterinnen, die, in Tschadors gehüllt, brüllend demonstrieren. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing wollte diesen Vorurteilen etwas entgegensetzen und eine deutsch-iranische Begegnung ermöglichen. "Frauen in Technik und Wissenschaft" hieß die auf vier Tage geplante Veranstaltung, die in der vergangenen Woche stattfinden sollte; neunzehn Frauen aus dem Iran waren eingeladen, eine Ärztin zum Beispiel, eine Elektroingenieurin, eine Biologin. Sie sollten am Starnberger See mit deutschen Frauen aus den entsprechenden Berufen zusammenkommen.

Es wurde nichts daraus. Die Tagung mußte kurzfristig abgesagt werden. "Wir werden die Konferenz zu verhindern wissen", hatten Unbekannte der Akademieleitung am Telephon gedroht. Zwei Gruppen von in der Bundesrepublik lebenden Exiliranern hatten Proteste angemeldet, die Polizei hatte zum Schutz eine Hundertschaft empfohlen. Das war der Akademie denn doch zu riskant.

Entzündet hatte sich der Protest daran, daß viele der Referentinnen für staatliche iranische Einrichtungen arbeiten, die eine frauenfeindliche Politik mitbestimmen. Eingeladen waren unter anderen der Botschafter des Iran in Bonn, Seyed Hossein Mousavian, sowie Fatemeh Haschemi, die Vorsitzende des Solidaritätsvereins der iranischen Frauen in Teheran, Tochter des Regierungschefs Haschemi Rafsandschani.

Hätte auf dieser Tagung tatsächlich ein konstruktiver Gedanken- und Erfahrungsaustausch "in gegenseitiger Akzeptanz" stattfinden können? Oder hatten die wohlmeinenden Veranstalter ein Propagandaforum für die frauenfeindlichen Parolen der iranischen Regierung organisiert?

Nicht eingeladen in Tutzing war natürlich eine Vertreterin der Familie von Sara B. aus der kleinen Stadt Saveh. Sara B. wurde vor einem Monat ermordet, kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Jeder in der kleinen Stadt wußte sofort, wer der Täter ist: Abbas M., der monatelang versucht hatte, sie zu heiraten. Gegen ihren Willen. Zum Schmerz über den Tod ihres Kindes kam für die Familie das Problem, wie der Täter bestraft werden könnte. Denn nach dem islamischen Strafrecht hat die Familie dem Täter erst einmal etwa 20 000 Mark zu zahlen, ehe er verurteilt werden kann. Die entsprechende Passage im Gesas-Gesetz (Vergeltung, Blutrache) lautet: "Wenn ein Muslim eine Muslimin mit Absicht tötet, muß nach dem Gesas-Gesetz gehandelt werden. Allerdings muß der Bevollmächtigte der Frau vor der Vollstreckung der Strafe dem Mann die Hälfte von Dije, dem Blutgeld, zahlen." Saras Eltern waren nicht in der Lage, diese Summe aufzubringen.

Ob der Fall Sara ein Thema bei der abgesagten Tagung in Tutzing gewesen wäre, wo doch laut Programm die "Richterin und Rechtsanwältin" Maimanat Choubak eingeladen war? Ob sie es gewagt hätte, das Schicksal der Familie als "islamische Gerechtigkeit" zu verteidigen? Einschränkungen von Rechten der Frau tangieren die islamischen Gesetzgeber nicht besonders. Nach Paragraph 132 des islamischen Strafgesetzes dürfen Männer ihre Frauen bei Ehebruch töten, ohne dafür bestraft zu werden. Obwohl einige Frauenzeitschriften, darunter selbst Zaneh Rooz (Frauen heute), die die Regierungspolitik unterstützt, gegen die Verabschiedung des Paragraphen durch das Parlament protestierten, blieben die männlichen Abgeordneten hart. Ali Asghar Baghani, der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Parlaments, sagte in einem Interview mit Zaneh Rooz: "Es gibt für ihn (den Mann) keine andere Möglichkeit, sein Recht durchzusetzen."

Mittlerweile langweilt es die iranischen Regierungsdelegationen, die an internationalen Konferenzen teilnehmen, immer wieder mit der gleichen Kritik an der rechtlichen Lage der Frauen im Iran konfrontiert zu werden. Eines dieser Themen ist das Erbrecht: Frauen erben nur die Hälfte dessen, was Männer erben. Oder die Mehrfachehe: Männer dürfen gleichzeitig vier Frauen heiraten und unzählige "Ehen auf Zeit" eingehen. Männer haben das alleinige Recht, die Scheidung zu vollziehen. Ihnen wird auch das Sorgerecht für die Kinder von einem bestimmten Kindesalter an zugesprochen. Frauen dürfen nicht ohne die Genehmigung ihres Ehemannes auf Reisen gehen.