Schwer zu sagen, warum ein Mann im grauen Flanell, mit dunklem Jackett, das Hemd dezent in Blau gestreift, die Krawatte korrekt draufgesetzt, nicht wie ein Anwalt wirkt. Hüsnü Öndül hat ja nichts Unseriöses. Es ist sogar schwer, sich jemanden vorzustellen, der schneller als er das Vertrauen eines Menschen für sich gewinnen könnte. Seine Augen blicken ganz offen. Und oft lustig.

Wenn Öndül zum Beispiel mitten im Gespräch in seinem Büro in Ankara aus dem Sessel hechtet, sich selbst am Arm mit theatralischer Brutalität zur Tür zerrt, dort wild auf die Uhr deutend Worte brüllt, die der Übersetzer leise mit "Bis zwölf Uhr!" wiedergibt, rausgehend die Tür zuknallt und kurz darauf mit kerzengeraden Einmetersechzig wieder im Zimmer erscheint, steht in seinen Augen der pure Schalk. Das sei doch der eigentliche Zweck einer Gefängnisstrafe, sagt er dann, wieder ernst und voller Verachtung für solche Rechtsmittel: "Wenn ich Ihnen sage, Sie bleiben hier bis Mitternacht, und die Tür zuschließe, dann fühlen Sie sich gedemütigt!"

Hüsnü Öndül ist Anwalt. Seine Kanzlei in Ankara berät Firmen. Seine Hingabe gilt der - unbezahlten - Arbeit für den türkischen Menschenrechtsverein Insan Haklari Dernegi (IHD), dem er als Generalsekretär dient: Menschen vor staatlich legitimierter oder geduldeter Willkür wie Gefängnis, Folter, Hinrichtung zu bewahren. Das ist, in der Türkei, eine große Aufgabe. Und lebensgefährlich.

Eine Eilmeldung ("Sofort veröffentlichen!") von amnesty international beschreibt die ersten zehn Tage des neuen Jahres so: "Vier politische Gefangene in Istanbul zu Tode geprügelt, ein Journalist nach der Inhaftnahme in Istanbul tot aufgefunden, ein vierzehnjähriger Junge auf der Polizeistation in Mersin erschossen."

Die Lage ist verzweifelt. Der Dezemberaufstand im Ümraniye-Gefängnis für politische Gefangene (eines von 47 Gefängnissen dieser Art) hatte im Januar auf Gefängnisse in Izmir, Ankara, Yozgat übergegriffen. Als am 8. Januar zwei der getöteten Häftlinge beerdigt werden, verhaftet die Polizei über 600 Trauernde und treibt die Hälfte in ein Stadion. Unter ihnen der Journalist Metin Göktepe. Die Polizei greift sich ihn, aus den Räumen unter dem Stadion gellen seine Schreie. Am 9. Januar wird er tot gefunden.

Aus dem Autopsiebericht: "Der Tod der aufgefundenen Person, die eine gebrochene Rippe und viele traumatische Läsionen durch einen stumpfen Gegenstand aufwies, war das Resultat von Gehirnblutungen (subdural und subarachnoidal) im Zusammenhang mit einem Gehirntrauma und inneren Blutungen." Eine Untersuchungskommission befand letzte Woche, fünfzehn Polizisten seien an der Ermordung Göktepes beteiligt.

Dieser Tod ist kein ungewöhnlicher Vorfall. Der jetzt veröffentlichte Menschenrechtsbericht des Vereins faßt das Jahr 1995 so zusammen: Festnahmen: 14 473. Verhaftete Journalisten: 21o1. Foltervorwürfe: 251. Tod in Haft/durch Folter: 122. Verschollen in Haft: 231. Gut 24 000 Personen, so der IHD, seien zur Zeit in der Türkei aus politischen Gründen angeklagt.