Die "historische Geburt" geschah im vergangenen Spätsommer in einer geheimgehaltenen Klinik irgendwo in den Vereinigten Staaten. Das Neugeborene war ein Mädchen und bei bester Gesundheit. Dafür hatten Reproduktionsmediziner des Genetics & IVF Institute (GIVF) im US-Bundesstaat Virginia bereits vor der Befruchtung gesorgt. Das heute etwa sieben Monate alte Baby ist der erste Erdenbürger, dessen Geschlecht durch ein neuartiges Verfahren vorbestimmt wurde. Hier zu einem medizinischen Zweck: Die Mutter trägt die genetische Veranlagung für eine bestimmte Form des Hydrozephalus, der bei Frauen nicht ausbrechen kann. Deshalb verhalfen die Ärzte der Mutter zu einer Tochter - ein Sohn hingegen wäre womöglich mit einem Wasserkopf auf die Welt gekommen.

"Wir haben gezeigt, daß wir bestimmte Erbkrankheiten vermeiden können", sagt Joseph Schulman, Gründer und Direktor des GIVF über die neue Spermienselektion, auch sexing genannt. Samenzellen mit einem X-Chromosom (weiblich) enthalten etwa drei Prozent mehr von der Erbmasse DNA als Spermien mit einem Y-Chromosom (männlich). Der kleine Unterschied reichte den Forschern des GIVF und des Medical College of Virginia in Richmond, um Samenzellen mit Hilfe der sogenannten Flußzytometrie deutlich besser als bisher zu trennen: X-Samenzellen reichern sie mit einer Rate von 85 Prozent an, bei Y-Samenzellen erzielen sie einen Reinheitsgrad von etwa 65 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, eine Tochter zu zeugen, nehme um das "Fünf- bis Sechsfache" zu, errechneten die US-Mediziner. Würde ein Junge gewünscht, erhöhe sich die Aussicht um das Zwei- bis Dreifache. Damit trennt das neue Verfahren die Spermien weitaus erfolgversprechender als herkömmliche Methoden. Die werden bisher weltweit von rund sechzig Zentren kommerziell angeboten, können aber die natürliche Verteilung der X- und Y-Spermien von 50 zu 50 kaum ändern.

Als Vorteil des sexing nennt Joseph Schulman das Ausrotten genetischer Krankheiten. Aber auch bei der Familienplanung könne es dereinst helfen. Schließlich sei eine gesunde Balance zwischen den Geschlechtern ein fundamentales Bedürfnis einer Familie, behauptet Schulman. Obwohl das Verfahren bisher erst einmal am Menschen erprobt wurde, wirbt das GIVF bereits im weltweiten Internet mit der Chance, "ein Kind des gewünschten Geschlechts zu bekommen". Interessenten aus aller Welt können sich die Anreise zum Firmensitz im US-Staat Virginia sparen. "Samenproben können eingefroren und an das Labor geschickt werden." Dort werde das Ejakulat nach X- und Y-Spermien getrennt und hernach als wiedereingefrorenes Samensortiment an die Absender zurückgeschickt. Dieser Medizintourismus diene zur "Verhinderung von geschlechtsgebundenen Erbkrankheiten", lautet die Botschaft aus dem Computernetz - oder eben auch zum family balancing.

"Ein etwas euphemistischer Ausdruck", kritisiert der Mediziner Gerhard Wolff vom Institut für Humangenetik und Anthropologie der Universität Freiburg. Nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz ist es "grundsätzlich verboten", Spermien allein für die Familienplanung zu sortieren, um gezielt eine Tochter oder einen Sohn zu zeugen. Bei geschlechtsgebundenen Erkrankungen hält Mediziner Wolff die Methode jedoch auch hierzulande für "denkbar". Nach dem Embryonenschutzgesetz wäre sie auch zulässig, allerdings nur bei schwerwiegenden Leiden, wie etwa der Duchenne Muskeldystrophie. Paare, die ein hohes Risiko für eine solche Erkrankung tragen, würden sich schon heute gelegentlich erkundigen, ob es nicht eine zuverlässige Methode gebe, eine Tochter zu zeugen. "Wenn betroffene Eltern sagen würden: ,Kann man nicht diese Spermien da rausfischen, jetzt zeugen wir halt ein Mädchen`, kann man auch wenig dagegen einwenden", urteilt Gerhard Wolff, der auch der Gesellschaft für Humangenetik angehört.

In Ländern wie China, wo Paare möglichst einen Jungen haben wollen, würden durch das frühzeitige Sortieren der Samen zwar weibliche Nachkommen, aber auch Abtreibungen und Kindstötungen vermieden, argumentiert GNF-Direktor Joseph Schulman. Bisher fürchtet seine Firma kein "bioethisches Problem", da die Patienten noch das "Risiko einer genetischen Störung nachweisen müssen, bevor sie den Dienst in Anspruch nehmen", betont Susan Black, Leiterin der Pädiatriegenetik des GIVF. Diese medizinische Anwendung könnte - wie beim ersten Einsatz am Menschen - Frauen zu gesundem Nachwuchs verhelfen, die eine rezessive, an das X-Chromosom gebundene Erbanlage tragen.

Auf einem X-Chromosom ist der Bauplan für ein wichtiges Gen defekt oder nicht vorhanden. Zu diesen Leiden gehören beispielsweise eine Form der Bluterkrankheit, Duchenne Muskeldystrophie und rund 350 weitere, oftmals aber extrem seltene Erbkrankheiten. Weil Frauen zwei X-Chromosomen haben, können sie den Mangel ausgleichen. Bringt eine vorbelastete Mutter hingegen zwei Söhne auf die Welt, wäre nach der Statistik der Genetik einer gesund, der andere aber trüge den Defekt.

Dieses 25prozentige Risiko, einen erbkranken Sohn zu gebären, "reduzieren wir auf unter 5 Prozent", sagt Susan Black. Der Sortiervorgang kann also nicht völlig ausschließen, daß sich bei der künstlichen Befruchtung nicht doch ein männliches Y-Spermium vordrängelt. Um bei ihrer Pioniertat zu überprüfen, daß sich im Reagenzglas wie geplant ein Mädchen entwickeln würde, zwackten die Wissenschaftler deshalb noch vor dem Transfer in die Gebärmutter zwei Zellen aus dem Embryo. Der war zu diesem Zeitpunkt wenige Tage alt und bestand im sogenannten Blastozytenstadium erst aus acht Zellen. Das Erbmaterial der zwei entnommenen Blastozyten wurde unabhängig voneinander untersucht. Das Ergebnis erleichterte die Forscher: Endlich verpflanzten sie den Embryo in die Mutter.