Im Vorspann des kaum fünf Minuten kurzen Stummfilms heißt es: "Steinau, Oberschlesien, um 1943". Dann die Bilder: fünf bis sechs Jungen mit Posaunen und Trompeten, ein Blick auf die Dorfstraße. Ein Sechzehnjähriger und seine Freundin werden herangeschleppt. Beide sind gefesselt. "Rassenschande" heißt der Streifen. Er hält eine Nazistrafaktion gegen ein deutsch-polnisches Liebespaar fest. Über die Kleidung werden ihnen Säcke gezogen, dann die Haare abgeschnitten. Nur vorne über der Stirn bleibt ein Büschel stehen, das zu einem Zopf geflochten wird. Ein Schweineschwänzchen. Drum herum lachende Gesichter, einige drängen sich zur Kamera, andere weichen scheu vor ihr zurück. Unter den etwa fünfzig Personen fast nur Kinder und Männer, kaum eine Frau. Täter, Opfer, Zuschauer. Am Ende werden den beiden Jugendlichen Pappschilder umgehängt und es beginnt - unter Einsatz der Blaskapelle - ein kleiner Umzug durch das Dorf. Dann flimmert es und der Film ist zu Ende.

Er ist zu sehen in der Ausstellung "Wach auf, mein Herz und denke", die sich mit den Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg beschäftigt. Der Film zeigt, wie schwer es war, nichts zu wissen von dem, was geschah. Polen waren von Naziwissenschaftlern als "rassisch minderwertig" eingestuft worden. Was diese Theorien praktisch bedeuteten, wurde jeden Tag bis ins kleinste Dorf hinein stolz demonstriert.

Die Ausstellung zeigt nicht nur die Greuel der Nazizeit, sondern auch die der polnischen Umsiedlungen und die der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie verschweigt auch nicht die Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee. Die Ausstellung wurde, das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen, so wie sie jetzt in Potsdam zu sehen ist, schon in Breslau und Berlin-Kreuzberg gezeigt. Anschließend wird sie noch in Görlitz und Beuthen zu sehen sein. So schrecklich das meiste ist, was die Ausstellung zeigt, so hoffnungsvoll stimmt den Besucher, daß es jetzt hüben und drüben gezeigt werden kann.

Wach auf, mein Herz und denke - Eine deutsch-polnische Ausstellung über die Geschichte der Beziehungen zwischen Schlesien und Berlin-Brandenburg von 1740 bis heute; polnisch-deutscher Katalog, 36 Mark; Potsdam Museum, Potsdam, Breite Straße 8-12, bis zum 10. März; Tel. 0331/289 66 00