Als Charles Babbage im 19. Jahrhundert die Grundzüge einer programmierbaren Maschine darlegte, nannte er sie die "analytische Maschine". Die ersten Gerätschaften, die dann mit gewaltigem pneumatischen Aufwand und vielem Getöse Lochkarten verspeisten, hießen "Rechenmaschinen", und niemand brachte sie noch mit irgendeinem Seelenleben in Zusammenhang. Erst ihre Nachfahren, die als persönliche Rechner auf den Schreibtischen ihrer Benutzer hausen, haben die Aufmerksamkeit der Sozialforscher und Psychologen erregt.

Im Jahre 1984 brachte die amerikanische Psychologin Sherry Turkle ein überaus erfolgreiches Buch heraus; in Deutschland erschien es unter dem Titel "Die Wunschmaschine". Darin ging es noch um die trauliche Zweisamkeit von Computer und Mensch. Elf Jahre später hat sich herausgestellt: Der Computer als Gegenüber ist von beschränktem Interesse. Seine wahre Bestimmung findet er als Medium, das Menschen in aller Welt miteinander in Verbindung bringt; sein Daseinszweck ist das Netz.

Diesem Phänomen widmet Sherry Turkle ihr neuestes Buch: "Life on the Screen: Identity in the Age of Internet". Die Identität im Zeitalter des Internet ist offenbar ein gefragtes Thema; das Buch klettert momentan in den amerikanischen Sachbuch-Charts steil nach oben.

Was fangen die Menschen an mit dem Netz, was tun sie besonders gerne? Sie nützen vor allem den Umstand, daß sie sich in Gesellschaft begeben können, ohne daß man sie leibhaftig sieht oder hört. Sie schlüpfen in beliebige Rollen; viele Spielwelten ermuntern dazu. Jeder hat dort und auch anderswo die Wahl, sich als Engel oder Monster auszugeben, als Mann, Frau oder Zwitter. Ein sehr beliebtes Spiel. Überall in den Netzen werden die Geschlechterrollen so rasant und selbstverständlich gewechselt, daß jede Selbsterfahrungsgruppe alt dagegen aussieht. Mit dem Computer als Medium von Rollenspielen jeder Sorte sieht denn auch Turkle das wahrhaft psychologische Zeitalter heraufdämmern, von dem Freud und Nachfolger, wie sie sagt, nur eine schwache Vorahnung geliefert haben.

Turkle meint: Die Netzgemeinde übt für das nächste Jahrhundert, in dem die Fähigkeit zum Rollenwechsel, zum Verständnis anderer realer und virtueller Personen die wichtigste soziale Technik sein wird. Der Wandelbarkeit der Rollen schreibt sie gar befreiende Wirkung zu: Männer etwa, die sich als Frauen ausgeben, haben Gelegenheit zu erfahren, wie sie nun von anderen Männern behandelt werden. Da ist sie optimistischer als Jürgen Habermas, der in deutscher Tradition im Internet nur die "territoriale Entwurzelung der Individuen" ausmacht, die "hoffnungslose Zersplitterung" der Gesellschaften in weltweit zerstreute Interessengrüppchen.

Nur ein Problem kann sich Turkle als echte 68erin nicht erklären: Auf ihren Forschungsreisen durch die Netzwelt fand sie jede Menge Menschen, die in den sozialen Umgebungen einer Spielwelt außerordentlich engagiert sind und pfiffige Lösungen für Konflikte austüfteln. Dagegen finden fast alle diese Menschen politische Probleme in der Wirklichkeit zu komplex. Kaum ein Online-Aktivist ist willens, off line dieselbe Phantasie an den Tag zu legen und mit den spielerisch erworbenen Kenntnissen die Sorgen des Alltags anzugehen. Ein Befund, der schwer zu denken gibt.

Sherry Turkle aber findet Trost in der Zukunft: Wenn das Herumstreifen im endlosen Datenraum für die Menschheit so normal wie Autofahren geworden sei, dann verrichte die Macht der Erfahrung schon ihr Werk. Ihr Wort in unser aller Ohr.