Gute Nachricht vom Schneetelephon: "Toutes liaisons ouvertes" - alle Verbindungen offen. Wer sich vorgenommen hat, jetzt in den "Sonnen-Pforten" umgerechnet mehr als seine ganze Anfahrtsstrecke von Paris oder Frankfurt auf einer Wochenkarte abzufahren - der muß früh aufstehen! Aber das tun hier, auf der Schweizer Seite der Skiarena, sowieso alle. Wir sind in Les Crosets, eine Skistunde entfernt von der französischen Retortenstation Avoriaz. In den frühen Jahren des 1963 gegründeten Portes-du-Soleil-Verbundes, in 1660 Meter schneesicherer Höhenlage aus der Alm gestampft, verbreitet die Chaletsiedlung den Charme eines verwitterten Höhenlagers mit Megaparkplatz. Hier logiert nur, wem der erste Lift der liebste ist und Après-Ski nichts gilt.

Der Preis für rustikales Ambiente im Tal, beispielsweise im Val d'Illiez oder im Bergsteigerdorf Champéry, ist noch früheres Aufstehen. Wir sind einigermaßen ausgeschlafen und haben gefrühstückt, als wir mit den ersten Strahlen der Morgensonne auf die Pointe de l'Au zur großen Rundtour losliften: Les Crosets-Châtel-Avoriaz- Les Crosets über sechs Bergdörfer und Skistationen, ein Kurs durch die ganze Osthälfte der Portes. Zwölf Bahnen werden uns über alle Schmugglerpässe und Grate zwischen Schweizer Wallis und französischem Chablais zu langen Abfahrten rundschaukeln. Immer der "Sonne" nach, dem Signet, das uns idiotensicher in Hundertmeterabständen jeweils über die schnellsten Verbindungen zwischen den Stationen geleitet.

Für diese Direktrouten gibt der Liftverbund als Orientierungshilfe einen handlichen Faltplan im DIN-A2-Format heraus. Ein logistisches Meisterwerk, das dreißig Hin- und Rückwege mit Liftnummern, Pistenbeschreibung und Fahrtzeiten für durchschnittliche Läufer auflistet und mit Richtungspfeilen für Auf- und Abfahrten versehen ist. Und mit dem Vermerk, daß einer Übernachtung im Berg immer eine Taxifahrt vorzuziehen sei.

Auf unserer heutigen Route wären das, falls wir den letzten Sessel zur Chavanette verpassen, achtzig Taxikilometer. Unser Tischnachbar, der heute "Morzine und Les Gets und endlich St. Jean d'Aulps schaffen will", programmiert derweil wie besessen die Verbindungen in seinen Taschencomputer ein. "Muß man hier immer dabeihaben - sicher ist sicher!" Wir lassen für unsere schon sehr ehrgeizig bemessene Runde bei geplanten

fünf Stunden reiner Fahrt drei Stunden Luft für Pausen oder für überlange Anstehzeiten. Sicher ist sicher . . . Es ist bereits neun Uhr, als wir nach gähnend lahmer Sesselfahrt auf der Pointe de l'Au Orientierung suchen. Vor blankplanierten Pisten weist das Skiwegekreuz vielarmig über die Schweizer und französischen Berge. Immer der "Sonne" nach Richtung Morgins/Châtel liegen wir erst mal richtig. Laut Pistenplan dürfen wir Champoussin rechts liegenlassen. Die Siebziger-Jahre-Station in schneezehrendster Südlage lebt mehr von Paraglidern und Mountainbikern.

Im Dreimeterschnee des Winters 95 ist die weite Sonnenflanke bestens präpariert, der tiefe Firn von gestern wurde heute früh zum eisigen Rennrevier gebügelt, daß die Kniegelenke nur so rattern. Bei dem Tempo übersieht man leicht einmal das "Sonnen"-Emblem. Blick auf die Uhr: Schon 9.55 Uhr!

Nach endloser Schleppliftfahrt gelangen wir endlich zur Folleuse, die Bergstation klebt steile 600 Meter über Morgins im Fels. Wir liegen schon eine Dreiviertelstunde hinter unserer Planzeit! Ein abgezäunter Slalomkurs versperrt den Weg zur "Sonnen"-Abfahrt. Die Waldwegvariante, die wir dann nehmen, verengt sich schon nach der ersten Biegung zum grausigen Eiskanal. Serpentine um Serpentine . . . Über eine halbe Stunde hat uns der kraftzehrende Umweg gekostet, rechne ich beim heißen Kakao nach, den wir im Dorfgasthaus neben der Sesselbahn-Talstation an der hübschen alten Kirche von Morgins einnehmen.