Bei der postkommunistischen Linken gilt Wlodzimierz Cimoszewicz, der neue Ministerpräsident Polens, als "Kater, der eigene Wege geht". Der 46jährige Jurist, ein ehemaliger Fulbright-Stipendiat, ist außerdem Gelegenheitsbauer. Seinen 30-Hektar-Acker im ostpolnischen Dorf Kalinowka bebaut er gelegentlich selbst, allerdings unter der Voraussetzung, daß sein Schwiegervater ihm den Pflug auf die richtige Höhe einstellt.

Seine Parteikarriere in der kommunistischen PVAP der achtziger Jahre hielt sich in Grenzen. Anders als Präsident Aleksander Kwasniewski und einige andere Parteiaufsteiger der letzten Stunde gehört Cimoszewicz nicht zu den "Enkeln Rakowskis". Er schaffte es lediglich zum Parteisekretär an der Warschauer Uni. Als sich die Genossen 1990 selbst sozialdemokratisierten, trat er der Nachfolgepartei, der neugegründeten SdRP, nicht bei, kandidierte aber - als Parteiloser - für das Präsidentenamt. Gegen Lech Wal,esa oder Tadeusz Mazowiecki hatte er keine Chance, aber mit seinen gut neun Prozent Stimmen ermöglichte er der lädierten und allgemein geächteten Linken eine Verschnaufpause, bis sie die Durststrecke überwand und bei den Parlamentswahlen 1991 stattlich und 1993 siegreich abschnitt.

Cimoszewicz gilt manchen seiner Gefährten als "irgendwie parfümiert" (Jerzy Urban), als ein Zauderer, der sich seinen Wählern zu sehr anpaßt. Den Ex-Solidarnosc-Leuten ist seine einstige Parteimitgliedschaft, den "Neosozialdemokraten" seine heutige Parteilosigkeit ein wenig suspekt. Im ersten, noch halbfrei gewählten Sejm - nach dem Runden Tisch 1989 - lieferte er sich noch heftige Rededuelle mit Adam Michnik. Vier Jahre später traten Cimoszewicz und Michnik mit einem gemeinsamen Appell in der Gazeta Wyborcza für eine Aussöhnung der Ex-Solidarnosc-Leute mit den Ex-Kommunisten ein. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 1995 war es zwar illusorisch, die politischen Gräben zuzuschütten, doch Cimoszewicz profitierte von Michniks Geste.

Das brauchte er, denn nach seinem effektvollen Start 1989 und 1990 war er innerhalb der Linken ins zweite Glied gerutscht. Seinen Fraktionsvorsitz des Bündnisses der Demokratischen Linken (SLD) im Sejm mußte er abgeben, nachdem er sich gegen einige Apparatschiks gestellt und mit dem linken Flügel der Ex-Solidarnosc geflirtet hatte. Wie reserviert die Genossen gegenüber dem Eigenbrötler Cimoszewicz waren, zeigte sich 1993, als er das Duell mit Józef Oleksy um das Amt des Sejm-Marschalls verlor. Cimoszewicz, im Kabinett Pawlak noch stellvertretender Ministerpräsident und Justizminister, wurde von dessen Nachfolger Oleksy nicht übernommen.

Doch das polnische Karussell dreht sich sehr schnell. Im Windschatten der "Oleksy-Krise" zahlte sich Cimoszewicz' konsequent eigenwillige Position aus. Der Freizeitbauer aus Kalinowka erschien den verschreckten Genossen nun als ein Ehrenretter. Mit seinem Aufruf für eine ehrlichere Politik vom Sommer 1994, als die Atmosphäre um die Pawlak-Regierung frostig geworden war und Korruptionsvorwürfe sowohl Linke als auch Bauernpolitiker getroffen hatten, konnte Cimoszewicz zwar nicht viel bewirken. Im Gedächtnis der Parlamentarier wie auch der Medien blieb er jedoch ein Saubermann, einer, der für klare, juristisch fundierte Verhältnisse steht.

Niemand beanstandet seine moralische Integrität, manche freilich weisen darauf hin, daß dieser Doktor der Rechte in Sachen Moral deshalb so penibel sei, weil er an einem Vaterkomplex leide. Cimoszewicz senior nämlich, ein Oberst der Volksarmee, soll sich während der Stalin-Zeit aktiv an Repressalien beteiligt haben. Es wäre nicht der erste Fall, daß die Kinder die Vergehen der Väter wiedergutmachen wollen.