Wer bislang im geschäftigen Japan mit seinen leeren Arbeitsämtern nach der - in den Statistiken gleichwohl ausgewiesenen - Arbeitslosigkeit suchte, fand bisher mitten im Tokioter Stadtzentrum einen Anlaufpunkt: Hunderte von Obdachlosen campierten in den öffentlichen Katakomben des neuen Tokioter Rathauses. Die Geduld, mit der dort Tausende von Büroangestellten jeden Morgen über die Kartonbetten von Japans sichtbarsten Arbeitslosen hinwegstiegen, war ein Gradmesser für die soziale Lage: Solange sich niemand an den Obdachlosen störte, erschien ihr Schicksal nicht als Bedrohung. Das hat sich nun geändert. Vor kurzem befahl der Tokioter Bürgermeister Yukio Aoshima die Räumung: "Innerhalb von zwei Monaten kann jeder eine Arbeit finden", sagte Aoshima den Betroffenen.

Noch ist Arbeitslosigkeit in Japan kein großes Thema der Politik, noch wird im Bekanntenkreis nicht offen darüber geredet. Denn tatsächlich waren Menschen ohne Job bisher Ausnahmefälle. Bis weit in die neunziger Jahre sorgte sich die Wirtschaft eher über einen Arbeitskräftemangel. Erst die seit 1992 anhaltende Rezession drehte den Spieß um: Nicht einmal alle Universitätsabsolventen bekamen im vergangenen Jahr einen - ihrer Ausbildung entsprechenden - Arbeitsplatz.

Die jüngste offiziell ausgewiesene Arbeitslosenquote liegt bei 3,4 Prozent, eine Zahl, die nach deutschen Maßstäben allerdings doppelt so hoch anzusetzen wäre. Vor allem Frauen verzichten nämlich in Japan auf die Meldung beim Arbeitsamt und damit auf eine sechsmonatige Arbeitslosenhilfe.

Wenn über das Thema Arbeitslosigkeit in Japan vergleichsweise wenig geredet wird, liegt das vor allem an der Schweigsamkeit der Opfer: Weit über die Hälfte der japanischen Arbeitslosen sind älter als fünfzig Jahre. Sie orientieren sich nach wie vor an alten Konformitätsmustern und ziehen sich in die Familien zurück, um dort bis ins hohe Alter versorgt zu werden.

So ist Japan im Guten wie im Schlechten auf die künftige Herausforderung Arbeitslosigkeit vorbereitet: Zwar ahnen nur wenige das Ausmaß des kommenden Problems, doch erscheint die Gesellschaft noch flexibel genug, um nach eigenen, neuen Lösungen zu suchen.