Unerwartete Einnahmen - das ist immer eine angenehme Überraschung. Eine solche erleben derzeit jene Amerikaner, die sich entschieden haben, ihre Ferngespräche nicht mehr über AT&T, sondern eine andere Telephongesellschaft zu führen: Das Unternehmen verschickt an seine ehemaligen Kunden einen Scheck von sechzig Dollar. Wer ihn einlöst, wird automatisch wieder mit AT&T verbunden.

Der Wettbewerb im Fernmeldewesen treibt in den Vereinigten Staaten manchmal seltsame Blüten. Und die dürften auf absehbare Zeit noch kräftiger sprießen. Denn vergangene Woche verabschiedete der Kongreß in Washington nach jahrelangem Hin und Her ein neues Fernmeldegesetz, das sich auf einen einfachen Nenner bringen läßt: Telekommunikation total.

Künftig soll in diesem Bereich jeder gegen jeden antreten: Die bislang fein säuberlich getrennte Welt zwischen Gesellschaften, die ausschließlich Ferngespräche vermitteln, und jenen, die auf komfortablen Gebietsmonopolen hocken, wird kräftig durcheinandergewirbelt. AT&T und Konkurrenten dürfen erstmals Nah- und Ortsgespräche anbieten. Dafür wird den Baby Bells, den regionalen Telephongesellschaften, der lukrative Markt für Ferngespräche geöffnet. Selbst Betreibern von TV-Kabelnetzen ist es jetzt erlaubt, Telephonate anzubieten. Damit hat der Kongreß sämtliche regulativen Trennwände auf einmal eingerissen, die noch zwischen den verschiedenen Fernmeldemärkten standen.

Klar, daß sich nun die gesamte Branche völlig neu strukturieren muß. Experten prophezeien denn auch turbulente Zeiten mit neuen Megadeals, hartem Wettbewerb und einschneidenden Änderungen für die Verbraucher. "Laßt die Telecomkriege beginnen", kommentierte das Wirtschaftsblatt Wall Street Journal.

Einen Vorgeschmack darauf gibt derzeit AT&T: Der Konzern ist dabei, sich in drei unabhängige Unternehmen für Ferngespräche, Telekommunikationsanlagen und Finanzdienstleistungen zu teilen. Der Grund für die größte Unternehmensspaltung in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte: Ma Bell, so der Spitzname der Mutter aller Telephongesellschaften, will abspecken, um für den neuen Wettkampf fit zu sein.

In den nächsten Monaten und Jahren werden freilich eher Fusionen Schlagzeilen machen. Und die Baby Bells dürften immer dabeisein. Zwei von ihnen haben schon ernsthafte Verhandlungen aufgenommen: Bell Atlantic und Nynex, die an der amerikanischen Ostküste Orts- und Nahgespräche anbieten. Pacific Telesis an der Westküste werden dagegen Hochzeitspläne mit dem AT&T-Konkurrenten MCI nachgesagt. Das Hauptargument für die Zusammenschlüsse ist immer das gleiche: Größenvorteile. Deswegen werden sich die Hochzeiten auf die Dauer auch nicht auf die Vereinigten Staaten beschränken. Über den Atlantik etwa wurden schon mehr als zarte Bande geknüpft: Vergangene Woche verkündeten die deutsche Telekom und France Télécom, daß sie jetzt offiziell mit zwanzig Prozent bei Sprint einsteigen, der Nummer drei des amerikanischen Ferngesprächmarktes.

Aber auch über Branchen hinweg wird kräftig angebandelt. Ebenfalls vergangene Woche verkündeten MCI und die Softwareschmiede Microsoft eine weitreichende Allianz. Die Telephongesellschaft, an der British Telecom mit 20 Prozent beteiligt ist, soll Leitungen für Microsofts Online-Dienst MSN liefern und die Internet-Software der Firma von Bill Gates vermarkten.