Die Pilgerfahrt zu den heiligsten Stätten des Islam in Mekka und Medina ist für viele Muslime das höchste Ziel ihres gottesfürchtigen Lebens. Da sich die wenigsten dieses kostspielige Unternehmen leisten können, legen Familien oder gar ganze Dörfer zusammen, um einem der ihren den Hadsch zu ermöglichen. Stolz trägt der Pilger danach den Titel eines Hadschi. Den Frommen Oberägyptens ist dies nicht Ehre genug. Sie schmücken ihre Häuser mit Wandmalereien, die Szenen der Pilgerfahrt darstellen: die Anreise per Flugzeug, Schiff oder Kamel; die Umrundung der Kaaba; das Verweilen in der Ebene von Arafat - eben das, was den Pilger am tiefsten berührte und was er für mitteilenswert hält.

Fast archaisch muten viele Bilder an, wie Graffiti mit kindlicher Hand auf losen Lehmverputz skizziert und durch den Verfall zur Hälfte wieder zerstört. Andere Kunstwerke wiederum, von prominenten Malern geschaffen, halten die Ereignisse mit plastischer Klarheit und heroischer Geste fest. Weithin sichtbar ist nun, daß hier ein Hadschi wohnt. Warum sich diese Tradition gerade in Oberägypten und fast nur in dieser Region entwickelt hat, darüber kann nur spekuliert werden. "Der Brauch, große Augenblicke eines Menschenlebens in Bildern festzuhalten, hat im Niltal eine uralte Tradition", heißt es im Vorwort zu dem Band Die Kunst des Hadsch von Ann Parker und Avon Neal, der die farben- und sinnesfrohen Hadsch-Bilder vorstellt (Ann Parker, Avon Neal, "Die Kunst des Hadsch", Wandbilder erzählen von der Pilgerreise nach Mekka. Aus dem Englischen von Konrad Dietzfelbinger; Frederking & Thaler Verlag, München 1995; 192 Seiten, 145 Farbphotos, 3 Karten, 128,- Mark). Mit das wichtigste Verdienst dieses klugen und lehrreichen Buches ist, daß die naive Kunst der Hadsch-Maler nicht durch sterile Ästhetik ihrer Wirkung beraubt wird.

Die Photographin Ann Parker dokumentiert, sie setzt Bilder und Menschen nicht oder nur selten in Szene, und sie tut es immer in Übereinstimmung mit den stolzen Besitzern der Malereien. Ausführliche Bildlegenden schlagen eine Brücke vom persönlich Erlebten zu den vorgeschriebenen Stationen der Pilgerfahrt. Begleitet vom einfühlsamen Text, ziehen sie den Leser mit auf dem Weg des Pilgers und erschließen ihm die Glaubenswelt des Islam - nicht durch Belehrung, sondern durch die sinnliche Sprache der Kunst.