Die deutsch-französische Zusammenarbeit gilt als Motor der europäischen Integration. Doch seit geraumer Zeit scheint dieser Motor zu stottern, was sich nun auch in der Wirtschaftspolitik zeigt. Mitte Januar hatte Staatspräsident Jacques Chirac in Frankreich hohe Erwartungen auf eine gemeinsame Wachstumsinitiative beider Länder geweckt. "Diese Maßnahmen müssen zwischen Frankreich und Deutschland koordiniert werden", hatte der französische Staatspräsident in Paris erklärt. "Ich habe mit dem Kanzler vor einigen Tagen darüber gesprochen." Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Schließlich stehen beide Volkswirtschaften vor ähnlichen Problemen: lahmende Konjunktur, Anpassungsdruck im System der sozialen Sicherung, zu hohe Staatsschulden. Dies legt die Suche nach gemeinsamen Lösungen nahe. Der Vertrag von Maastricht - Grundlage für die angestrebte Wirtschafts- und Währungsunion - schreibt zudem die Koordination der Wirtschaftspolitik als "eine Angelegenheit von gemeinsamem Interesse" vor. Doch merkwürdig: In Bonn wollte niemand etwas von einer deutsch-französischen Koordination wissen.

Tatsächlich hatten Chirac und Bundeskanzler Helmut Kohl am Rande der Beisetzungsfeierlichkeiten für François Mitterrand über Wirtschaftsfragen gesprochen. Konkretes war jedoch nicht vereinbart worden. Deshalb fühlte sich die Bundesregierung von der Ankündigung des Staatspräsidenten brüskiert. Die französische Regierung aber hatte sich unter Zugzwang gesetzt. Denn jenseits des Rheins häuften sich die schlechten Nachrichten. Die Zahl der Arbeitslosen überschritt im Januar die Dreimillionengrenze. Gleichzeitig sank der Vertrauensindikator der Privathaushalte auf einen historischen Tiefpunkt.

Doch die Deutschen ließen die Franzosen im Regen stehen. Zu mehr als dem üblichen Informationsaustausch war Bonn nicht bereit. Um nicht ganz das Gesicht zu verlieren, hängte sich Frankreichs Regierung unter Premierminister Alain Juppé an den Bonner Zeitplan. Die französischen Maßnahmen zur Konjunkturbelebung wurden in Paris vorige Woche zeitgleich mit dem Bonner Aktionsprogramm für mehr Beschäftigung vorgestellt. "Auf diese Weise versucht Paris den Eindruck zu erwecken, es handle sich tatsächlich um eine französisch-deutsche Initiative zur Konjunkturbelebung", erkannte die Tageszeitung Le Monde.

Dabei sind die Gegensätze offenkundig. Der französische Plan soll kurzfristig die Nachfrage der Verbraucher ankurbeln. Als wichtigsten Schritt senkte die Regierung die Sparzinsen für das "Livret A" - ein Sparbuch mit staatlich regulierten Erträgen - von 4,5 auf 3,5 Prozent. Bei sinkenden Zinsen, so die Überlegung, werden die 45 Millionen Sparbuchinhaber weniger sparen oder sogar einen Teil ihrer 700 Milliarden Franc abheben und ausgeben. Die Nachfrage soll außerdem durch Steuererleichterungen für Konsumentenkredite und Wohnungskäufe angekurbelt werden. Lediglich Verkürzung von Abschreibungsfristen für Investitionen richtet sich direkt an die Unternehmen. Im Gegensatz dazu setzt das Bonner Programm fast ausschließlich auf mittelfristig niedrigere Steuern und Abgaben, ist also gar kein Konjunkturprogramm.

Wenn bereits Absprachen in der Wirtschaftspolitik unmöglich scheinen, wie realistisch ist dann eine gemeinsame Linie beider Länder auf dem Weg zur Währungsunion? Diese Frage stellt sich durch die Konjunkturflaute: Nicht einmal Deutschland kann noch sicher sein, daß er das wichtigste Eintrittskriterium für die Währungsunion erreicht - ein Staatsdefizit von höchstens drei Prozent im Verhältnis zu seiner Wirtschaftsleistung.

Für Frankreich steht nach Meinung aller Ökonomen schon heute fest: Das Ziel ist bis zum Entscheidungsjahr 1997 nicht zu schaffen. Voriges Jahr lag das Defizit noch bei über 5 Prozent. Für das laufende Jahr wird der französischen Wirtschaft ein Wachstum von 1,5 Prozent vorhergesagt - deutlich weniger als die 2,8 Prozent, die der Pariser Haushaltsplanung zugrunde liegen. Beim Budgetdefizit gelten Werte um 4 Prozent für 1997 als realistisch.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, daß die Diskussion um den Euro in Frankreich wieder losgebrochen ist. Vielleicht wäre es besser, den für 1999 vorgesehenen Start der Gemeinschaftswährung um zwei oder drei Jahre zu verschieben? fragen einige Experten. Doch der Maastricht-Vertrag sieht diesen Ausweg nicht vor. Ein neues Abkommen müßte ausgehandelt werden - mit nationalen Debatten, Parlamentsvoten, zum Teil Volksabstimmungen in den fünfzehn Staaten der Union. "Eine Katastrophe", warnt Maastricht-Mitautor Jacques Delors.