BERLIN.- Immerhin, so hatte Julius Posener einem Freund geschrieben, "immerhin verschweigst Du nicht, daß dies das Leben eines Dilettanten gewesen ist, und ich darf hinzufügen, daß dieser Dilettant sich jetzt am Ende ernsthaft fragt, ob er nicht alles falsch gemacht hat. Aber", so setzte der damals 87jährige erleichtert hinzu, "das geht wohl so ziemlich allen so" - allen, für die das Dilettieren vom lateinischen Delektieren herrührt und nichts anderes meint, als sich an etwas zu ergötzen, sich davon verlocken, schließlich darein verstricken zu lassen und unter der Hand vom Liebhaber zum Fachkundigen zu werden. Diesen, den anderen Weg zu Kennerschaft und Urteil, ist Julius Posener gegangen, dabei der schönen Devise docendo discere folgend: lehrend lernen. So ist es nicht zuletzt der pädagogische Eros gewesen, der ihn zum angesehensten, auch zum beliebtesten Lehrer und Kritiker in Sachen Architektur hatte werden lassen - bei den Attackierten zur Respektsperson. Am Abend des 29. Januars ist er in Berlin gestorben.

Hier war er 1904 geboren worden, hier hatte er auch Architektur studiert. Doch Architektur zu machen war Julius Poseners Leidenschaft nie. So vagabundierte er durch sein Fach: Architekturkritiker in Paris ("Er ist ein Jude, da wird er intelligent sein"), 1933 Exil in England, Architekt in Palästina, dann britischer Soldat dort, später im besiegten Deutschland, danach Architekturlehrer in England, Professor in Kuala Lumpur und endlich: Professor für Geschichte, Theorie und Kritik der Architektur an der Hochschule der Künste zu Berlin. Das war ein Segen für ihn, für seine Schüler, für das ganze Fach - und für Berlin auch.

Sein Ruhm gründete sich auf vielerlei Talente. Er war ein passionierter, bekenntnisfroher Lehrer, weniger ein Geschichtswissenschaftler als ein Geschichtsfeuilletonist, doch das von allergrößtem Anspruch. Er schrieb ein jedermann verständliches, farbenreiches, schönes Deutsch, das ihm nicht zuletzt als kritischem Beobachter - und als Vermittler - zeitgenössischer Architektur zugute kam. Bei alledem war er ein äußerst enragierter Bürger, viel mehr: ein Freund der Menschen. Sie waren seine Adressaten, auch in seinen Hunderten von Aufsätzen, in den Vorlesungen (die die Zeitschrift Arch+ in sieben Heften erfolgreich publik machte), in seinen Büchern, in denen allen er seine beneidenswerte Gabe anzuwenden wußte: beschreibend zu erzählen. Drei erschienen allein in den letzten anderthalb Jahren: "Berlin auf dem Wege zu einer neuen Architektur" (sein umfangreichstes Buch, neu als Paperback bei Prestel, München), "Hans Poelzig - sein Leben, sein Werk" (die Biographie seines verehrten Lehrers, bei Vieweg, Wiesbaden), "Was Architektur sein kann" (neuere Aufsätze, bei Birkhäuser, Basel).

Lesen also können wir Julius Posener gottlob immer. Er wurde 91 Jahre alt - "Fast so alt wie das Jahrhundert". So hatte er seine Lebenserinnerungen genannt, ein wundervolles Buch.