Jeden Freitag sitzt er pünktlich kurz vor 16 Uhr am Konferenztisch. Immer am selben Platz. In dem knappen Jahr, das ich jetzt dabei bin, hat er meist geschwiegen. Früher war er weniger zurückhaltend. 1963 hat er 54 Artikel in der ZEIT veröffentlicht, 1958 gar siebzig. Er schrieb zu so vertrauten Themen wie "Was ist ein Intellektueller?", er erörterte die Frage "Was gilt die deutsche Literatur im Inland?", aber er richtete auch eine regelmäßige Kolumne "Die Trinkecke" ein, in der die wirklich wichtigen Fragen um Whisky, Wein und Sekt (wir schreiben die frühen Sechziger) erörtert wurden.

Wer heute in Leonhardts Feuilleton blättert - er leitete es von 1957 bis 1973 -, der freut sich vor allem über den frischen Ton, die Courage, mit der er in heftige Kontroversen ging. Berühmt ist die Hasch-Debatte, die Leonhardt 1969 angezettelt hatte. Sie bewegte noch Jahre später die Gemüter. Als 1968 die Kaufhausbrandstifter vor Gericht standen, da berichtete Redakteur Nettelbeck vom Prozeß, und Rudolf Walter Leonhardt schrieb in der Leitglosse des Feuilletons: "Präventivstrafen, die von dem ausgehen, was alles hätte geschehen können, öffnen einem unerwünschten Besucher den Weg in den Gerichtssaal: der Phantasie. Diese Hätte-Können-Ideologie ist überall dort gefährlich, wo sie nicht, wie in der reinen Spekulation, weiterführt zu immer neuen Hätte-Könnens, sondern wo sie auf einmal umgesetzt wird in, zum Beispiel, die nüchterne Wirklichkeit einer Zuchthausstrafe, die dann nicht mehr nur hätte sein können, sondern die ist."

Dafür bewundere ich Rudolf Walter Leonhardt: Er liebt die Phantasie, aber er wußte auch 1968, daß sie nicht an die Macht gehört. Er erlag immer wieder der Lust am extremen Gedanken, doch ohne der Versuchung nachzugeben, ihn in die Tat umzusetzen. Daß er mit dieser Einstellung nicht nur die Studentenbewegung konfrontierte, sondern auch deren Richter, zeichnet ihn aus.

Leonhardt setzte einige der großen Themen der damaligen Zeit: Universitätsreform und die Rolle des Schriftstellers in der Demokratie. Darüber schrieb er oft und gerne. Aber nichts liegt ihm ferner als der Kulturhochmut mancher Nachachtundsechziger. Der ehemalige Assistent von Ernst Robert Curtius besucht nicht nur die Kulturtempel. Überall stöbert er nach dem, worauf es in Kunst und Leben ankommt. Er ist ein begnadetes Trüffelschwein. Als zum Beispiel die deutschen Kulturträger mal wieder die Nase übers Musical rümpften, da schrieb der Englandkenner Leonhardt: "Ich halte ,My Fair Lady` einfach für noch besser als Shaws Drama. Im Musical wird Eliza, was auch der geschickteste Regisseur aus Shaws Text nicht herauszuholen vermochte: eine Persönlichkeit, eine ebenbürtige Gegenspielerin des Professors." Das begrüßte er nicht nur als dramaturgischen, sondern vor allem als gesellschaftspolitischen Fortschritt.

Leonhardt liebt die Literatur, und er liebt das Handgemenge, und dafür lieben ihn die Leser.