Die Georg-Büchner-Buchhandlung am Prenzlauer Berg in Berlin ist neu. Die sie leitende Buchhändlerin kommt aus Köln und ist guter Dinge, was die Zukunft ihres Geschäftes angeht. "Man hatte uns gewarnt: ,Hier kauft keiner Bücher. Die Leute haben kein Geld. Allenfalls ein paar Taschenbücher werdet ihr los.` Das ist alles Blödsinn. Wir haben sehr interessierte, sehr gut informierte Kunden, die auch teure Bildbände kaufen. Wir werden es schaffen." Heute abend ist Dichterlesung. Knapp einhundert Gäste sind da. Nicht einer mehr hätte Platz. Es lesen: Lutz Rathenow, 1952 in Jena geboren, und Ingo Schulze, Dresdner des Jahrgangs 1962. Rathenow beginnt mit seinem neuesten Erzählungsband "Sisyphos". Eine vertrackte Geschichte, die, über hundert Konjunktive stolpernd, in einer Ohrfeige kulminiert. Aber welcher Leser wird die handgreifliche Schlußpointe nach all den "solle" und "könne" erreichen? Wer liest nach einem Satz wie diesem weiter: ". . . sein Gesicht modellierte neben dem Staunen schon jenen Ausdruck von Hilflosigkeit, der an Erschrecken grenzt."? Aber das Buch ist in der zweiten Auflage, und hier saß ganz offensichtlich sein Publikum. Das folgte Rathenow mühelos, ja lachend über die Stolperdrähte seiner mühseligen Partizipialkonstruktionen. Im Laufe der Lesung verwandelte die freundliche Zuwendung der Hörer den ergrauten, Pykniker Lutz Rathenow in ein rosenwangiges Riesenbaby.

Ingo Schulzes zerfressenes Gesicht wird von einer schulterlangen Lockenmatte umrahmt. Nichts liegt ihm ferner als Glätte. Er liest aus den "33 Augenblicken des Glücks", einem Buch über Sankt Petersburg. Schulzes Geschichten sind aus lauter Liebe bitterböse. Genaueste Beobachtungen kippen um in phantastischste Szenen.

Lutz Rathenow sitzt neben ihm und freut sich an jedem Gag, genießt die von Schulze so kunstvoll in Szene gesetzten Umschwünge. Er applaudiert ihm, und dann erklärt er, Ingo Schulzes Erzählungen seien das Beste, das er in den letzten zwei Jahren gelesen habe.

Ingo Schulze ist bei dem Lob errötet. Er senkt den Kopf. Er weiß nicht, wo er hinsehen soll. Keine Sekunde denkt er daran, das Kompliment zurückzugeben. Rathenow erwartet das auch nicht. Er ist wirklich begeistert. Es geht ihm nicht um Artigkeiten, sondern er platzt vor Freude über Schulzes außerordentliches Talent. Ein schöner Moment. Und so selten unter Kollegen.