Als "Schwatzbude" hatte der seinem Ende entgegengehende deutsche Monarchismus in einem letzten Aufbäumen die Institution eines "Parlaments" zu desavouieren versucht - voller Abscheu gegen die in England schon seit Jahrhunderten praktizierte und bewährte Legislative, aber auch getreu der Erkenntnis, daß das französische parler ja eher ein Miteinander-Plaudern als das heftige und inhaltsschwere Streitgespräch meint. Die Bilder der Televisions-Öffentlichkeit aus Bonner oder Brüsseler Foren vermögen zum einen nur mit Mühe durch geschickte Caches zu verheimlichen, wie spärlich unsere Volksvertreter ihrer Repräsentanz-Verpflichtung gelegentlich nachkommen. Sie weisen zum anderen nur zu oft und deutlich nach, daß die dort zum Bildschirmfenster hinaus gehaltenen Reden vornehmlich auf den Wählerstimmen-Effekt zielen und bauen. Gleichviel können weder sie noch die Realität unserer Kanzler-Demokratur dementieren, daß das Parlament qua Verfassung immer noch Inhaber der gesetzgebenden Gewalt ist. Taugt aber eine solche - auf die Bewältigung aktueller politischer und damit gesellschaftlicher Probleme ausgerichtete demokratische und in ihrer zeitlich-räumlichen Struktur als Abfolge von Monologen programmierte - Versammlung zu einer dramatischen Szene eines modernen Musiktheaters?

Karlheinz Stockhausen hat in seinem auf sieben "Tage" geplanten Opernzyklus "LICHT" in den bislang uraufgeführten "Montag", "Dienstag", "Donnerstag" und "Samstag" nie einen momentan dringlichen oder auch nur latenten gesellschaftlichen Konflikt zu lösen versucht, sondern stets den uralten Mythos von der Welt betrachtet, von ihrem Werden und dem, was sie "im Innersten zusammenhält", und dies aus einer gewissermaßen kosmischen Position. Von dorther betrachtet steht der Mensch im Spannungsfeld von Kräften, die in ihrem Wesen diese unsere anthropozentrisch orientierte Welt transzendieren. So muß zwangsläufig ein "Weltparlament", dessen gut halbstündige Sitzung eine Szene des "Mittwoch" ergeben wird und das vergangene Woche in Stuttgart zunächst einmal konzertant uraufgeführt wurde, sich nicht um die Bevölkerungsexplosion oder die steigende Arbeitslosigkeit kümmern, nicht um Ökologie oder Diskriminierung jedweder Art, nicht um Drogenkartelle oder die Ausweitung der Nato nach Osten. Der Präsident, der hier zugleich auch als Dirigent fungiert und fürs erste mit einer Glocke oder mit einem Hammer seine Zeit-Zeichen gibt, verkündet die Tagesordnung: "Liebe ist hier unser Thema." Womit wir denn doch wieder in der Oper wären.

Liebe freilich weder im körperlich-emotionalen Sinne noch als populistisch auszuschlachtendes "Märchen" oder "nur Illusion". Zwar versucht sich der/die eine oder andere Musiker-Abgeordnete in herrlich sarkastischer Analogie zu seinem Politiker-Pendant mit irdischen sozialistisch-christlichen Leerformeln: "Liebe heilt diese Welt", "Liebe ist Hilfe ohne Vorteile", "Liebe fängt immer neu an". Zwar kommt ein Disput auf zwischen den Fraktionen: "Liebe lebt in den Kindern" singt eine Altistin, und der Tenor opponiert süffisant: "Liebe stirbt mit den vielen Kindern!" Zwar konterkariert der Präsident die Platitüden mit ebenso ironischen wie naiven Zwischenrufen: "Liebe ist Treue zum Talent." - "Aber Talent muß der Schönheit dienen!" Oder: "Liebe ist Vergebung." - "Nicht immer!" Das Weltparlament: auch nur eine "Schwatzbude"?

Aber im wesentlichen geht es hier nicht um derart harmlose Plänkeleien, sondern um ein aus dem Universum zu uns gebrachtes Prinzip: "Himmelsmanna" und "cosmic glue". Oder, noch eindeutiger: "Liebe ist Gott, Gottes Licht im Universum." Womit wir wieder nicht mehr in der Oper, sondern in der Theologie wären.

Nun ist Karlheinz Stockhausen - wie schon Arnold Schönberg in "Moses und Aron" - nicht in erster Linie Kirchenlehrer, sondern Musiker; nicht vornehmlich Prophet eines unsichtbaren und unvorstellbaren Gottes, sondern Komponist eines nach autonomen musikalischen Regeln verfaßten Kunstwerkes, eines Logos in "tönend bewegter Form". Und so betreten die Parlamentarier(innen) den Sitzungssaal und psalmodieren dabei auf einem nach Glockenzeichen wechselnden tonus rectus über die Charakteristika dieses Mittwochs oder Merkurtags. Er ist der Tag der Räume, Tag der Versöhnung, Tag der Gleichberechtigung der Frau, Tag des Fliegens. Er ist der Mittwoch aller Völker, der Wochentag der Zusammenarbeit und der Verständigung, des Friedens und der kosmischen Solidarität.

Er ist aber vor allem der "Tag der neuen Sprache", der "Mittwoch der rotierenden Formeln". Hier nun muß und darf man erinnern: Der gesamte "LICHT"-Zyklus hat als Basis eine große "Formel", eine Konstellation von 36 Tönen, die sich vertikal auf drei Protagonisten-Linien und horizontal auf die sieben Tage verteilen. Die (wiederum 36) Mitglieder des Weltparlaments sitzen in vier "Fraktionen" (Stimmgruppen) zu je 3 mal 3 Individuen, und ihre chorischen Kommentare beruhen zum einen auf der "rotierenden", gewissermaßen wie in Form einer Spirale kreisenden Kombination von Konsonanten mit von dunkel nach hell wechselnden Vokalen, zum anderen auf der Dehnung, Spreizung und Stauchung der Formeltöne samt einer minuziösen Ausarbeitung in rhythmische wie klangliche Strukturen. "Weltparlament" darf also nur im Überbau als theatralische Szene gesehen werden. Eigentlich hören wir ein von solistischen Einwürfen unterbrochenes und auf diese Weise belebtes Chor-Kontinuum in einer oftmals fremden und unverständlichen Sprache, das gleichviel seine Expressivität besitzt.

Und einen immensen Schwierigkeitsgrad. Karlheinz Stockhausen hat immer wieder in seinen Partitur- und Stimm-Notationen wie in seiner Probenarbeit ein hochentwickeltes Sensorium für kleinste und feinste Nuancen, vor allem natürlich in der Rhythmik und Dynamik, in Artikulation und Hüllkurve der Klänge, für sich selber bewiesen und von seinen Interpreten gefordert. "Weltparlament" ist so auch zu einem Prüfstein geworden für unsere Chor-Kultur. Denn es stellt sich durchaus die kritische Frage, wer denn überhaupt (neben dem Chor des Südfunks Stuttgart) noch ein solches Stück aus- und aufzuführen in der Lage ist - in einer gewendeten Kultur-Landschaft, in der selbst die professionellsten Rundfunkchöre längst von der Nivellierung im Dienste an populistischen Programmen bedroht sind.