Das Autorenphoto zeigt zwei nicht mehr ganz junge Männer, etwas verspannt am Reck hängend - der Klimmzug dürfte ihnen nicht mehr gelingen. Kein Wunder also, daß Thomas Ebermann und Rainer Trampert in ihrem neuen Buch gegen das "sportive Sinnsystem" anschreiben, das autoritären Charakteren die Möglichkeit biete, sich konform zu verhalten. Überraschender ist schon, wie das linke Hamburger Duo am Beispiel ausgerechnet des in Szenekreisen so beliebten 1.FC-St. Pauli präzise vorführt, wie Kollektivzwang im kleinen funktioniert, wie die selbstgeschaffene Notwendigkeit zu siegen aus dem Underdog der Bundesliga und seinen alternativen Fans eine Notgemeinschaft formt, in der schließlich auch rassistisches Ressentiment akzeptiert wird, um das Gemeinschaftsgefühl nicht zu gefährden.

Diese knappe, anschaulich geschriebene Studie ist charakteristisch für das Buch: Das aufschlußreichste Material für ihre Analyse der Verhältnisse in der gar nicht so zivilen Zivilgesellschaft Deutschland finden die beiden ehemaligen GAL-Politiker im Stadion, in der Comedy-Show "Familie Becker", der Lottoschein-Annahmestelle oder beim Kabarett in der "Roten Flora". Wo sich's andere gemütlich machen, schrecken Ebermann und Trampert auf: "Wem der Spaß dadurch verdorben wird, daß wir als trübselig beschreiben, was trübe ist, befindet sich auf dem Weg der Besserung, ist er doch denen ein Stückchen voraus, die sich ihre gute Laune prinzipiell nicht mehr verderben lassen."

"Die Offenbarung der Propheten" ist ein manchmal polemisches, nirgendwo aber schlecht gelaunt geschriebenes Buch. Im Gegenteil: Wenn Ebermann/Trampert auf einen stoßen, der ihnen ein Prophet des Zeitgeistes zu sein scheint, sei das nun der ehemalige K- Gruppen-Theoretiker Robert Kurz oder der Soziologe Zygmunt Baumann, dann ist ihnen der Spaß anzumerken, den sie dabei haben, deren Überlegungen bedächtig, aber überaus kunstvoll und gelegentlich ironisch auseinanderzunehmen.

Handlungsanleitungen sucht man in diesem Buch erfreulicherweise vergebens. Dem Praxiskult, der beim Versuch, einen Konsens zu finden, die kritische Reflexion verlernt hat, erteilen die Verfasser schon im Vorwort eine Absage. Sie plädieren für das Nicht-Mitmachen und für Unproduktivität. "Ein realistisches Konzept für eine radikale Partei" lautete der Untertitel ihres ersten Buches über "Die Zukunft der Grünen" noch. Ebermann und Trampert, der Exsprecher der Bundestagsfraktion und das Exmitglied des Bundesvorstands, haben aus ihrem Scheitern in der Partei gelernt - leider schweigen sie sich darüber aus. Über den Wandel ihrer Positionen, über ihre eigenen Erfahrungen ist in "Die Offenbarung der Propheten" nichts zu lesen. Das ist der eine Mangel des sonst so aufschlußreichen Buches.

Der andere ist die Neigung der Autoren, zugunsten der prägnanten Formulierung gelegentlich der eigenen Forderung zu entsagen: "Die Betrachtung eines Sachverhalts von mehreren Seiten gibt es kaum noch. Dialektik gilt nichts mehr." Dabei nehmen auch sie oft genug Absichtserklärungen von Managern und Politikern, als schafften sie allein schon deren Wirklichkeit, verbuchen ganz umstandslos Techno als systemstabilisierende produktive Arbeit oder schreiben der Jugend mal eben so ins Stammbuch, sie sei eine konformistische Masse, deren Revolte nur noch als Angriff auf die Geldbörse der Eltern gedacht werden könne. Nichtsdestotrotz gehört "Die Offenbarung der Propheten" zum interessantesten, was an linken Analysen in den letzten Jahren geschrieben worden ist.