Seit über 25 Jahren Kriminalbeamtin, zwei erwachsene Töchter, eine dritte, die noch bei ihr wohnt, drei Enkelkinder: Damit wäre fast schon das meiste gesagt über Heidrun Fellert aus Hamburg-Eilbek - hätte ihr Leben sich nicht vor gut zwei Jahren gründlich geändert. Als die Beamtin damals den Diebstahl einiger Computer aufzuklären hatte, mußte sie sich beim Lesen der Stehlgutliste eingestehen, daß sie nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon da die Rede war. Eine Niederlage, wie sie befand. Alle Welt war vertraut mit diesen Geräten, nur sie nicht. Wenig später las sie in einem Computerbuch für Frauen, daß Macintosh-Computer gut geeignet seien, den Menschen die Angst vor den kryptischen Kisten zu nehmen. So machte sie sich auf den Weg zum Händler.

Am 12. April 1993 kaufte Heidrun Fellert ihren ersten Rechner. Von nun an wuchs ihr Interesse an der neuen Maschine rasant. Man könnte sagen: Die Kriminalhauptkommissarin nahm systematisch die Ermittlungen auf. Zunächst trat sie einem Computerclub bei; dort lernte sie den Umgang mit dem Gerät, und sie ließ sich dabei selbst von technischen Details nicht schrecken. Nach kurzer Zeit konnte sie bereits Freunden aus der Klemme helfen, wenn etwa deren Rechner nicht ordentlich starten wollten. Wenig später scheute sie sich nicht einmal, aus wirren Einzelteilen ganze Festplatten selber zusammenzubauen. "Ist billiger", meint sie, und zusätzlichen Festplattenspeicher für all die Software, die es auszuprobieren galt, konnte sie bald brauchen.

Anfang 1995, Heidrun Fellert saß bereits im Vorstand des Computerclubs, tat sie den nächsten, den entscheidenden Schritt. Sie ging zu dem Händler, der ihr vor knapp zwei Jahren den Rechner ver-

kauft hatte, und bat ihn um ein Praktikum. Es gibt in der Welt der Computerenthusiasten Leute, die einer Großmutter, die mit solch einem Wunsch auf der Matte steht, ohne zu zögern einen Job geben. Dieser hier, Fritz Borgstedt, der Eigentümer der Firma Systematics, hat seine Entscheidung bis heute nicht bereut.

Die Kommissarin machte sich also jeden Tag nach Dienstschluß auf den Weg zu ihrer Praktikumsstelle. Die erste Zeit half sie im Laden, dann bat man sie, bei der Kundenberatung im hauseigenen Online-Dienst mitzuarbeiten: im Magic Village. Dieses Computernetz, das fortan im Leben der Heidrun Fellert die Hauptrolle spielen wird, ist so etwas wie Compuserve im kleinen, wenn auch nicht ganz so klein. Die Kunden können es nutzen, um mit dem Unternehmen und vor allem untereinander in Verbindung zu treten, und sie machen lebhaft davon Gebrauch. Mittlerweile gibt das Magic Village fast 10 000 Menschen ein digitales Zuhause. Für die Einsteigerin eine Welt voller Rätsel und Wunder.

Auf der Stelle nahm Heidrun Fellert ihren Resturlaub, um ihn zusammen mit Menschen, die sich Systemoperatoren und Webmaster nennen, in Räumen zu verleben, die mit Computern und anderer Technik vollgestopft sind. Dort nahm sie tagein, tagaus die elektronischen Hilferufe der Kundschaft entgegen, gab Rat, Trost und Auskunft, und wenn sie selber nicht weiterwußte, fragte sie die Kollegen. So lernte sie zwangsläufig sehr viel in sehr kurzer Zeit. Rund dreißig Anfragen erhält sie täglich per E-Mail; und schon lange kann sie nichts mehr schrecken. Stürzt beispielsweise der Mailboxrechner übers Wochenende ab, kommt sie mal eben vorbei und fährt ihn wieder hoch. Zufällig wohnt sie auch noch gleich um die Ecke.

Heidrun Fellert machte sich schnell einen Namen in der Netzgemeinde, und als sie erstmals kundgab, daß sie Enkelkinder hat, war sie sehr verblüfft, wie viele junge Leute mit Bewunderung reagierten: in dem Alter, und dann on line.