Los Angeles ist ein Traumziel. Doch nur selten gelingt es Reisenden, einen Blick auf die soziale Wirklichkeit der fünfzehn Millionen Menschen aus hundert Nationen zu tun, die die kalifornische Metropolis bewohnen. Auch in den USA gibt es nur wenige Sozialforscher, die diese Stadtgalaxie so unverstellt und kritisch betrachten wie der in Los Angeles lehrende Soziologe Mike Davis.

Der Initiative zweier kleiner linker Buchhandlungen ist es zu verdanken, daß jetzt sein in den USA schon legendäres Buch "City of Quartz" auf deutsch vorliegt. Streckenweise lesen sich seine Untersuchungen wie Kommentare zu den schwärzesten Filmbildern, die wir von der Stadt der Engel kennen. Doch wenn Davis auf Filme wie "Chinatown" oder "Blade runner" anspielt, dann nur, um auf eine Wirklichkeit zu zeigen, die diese filmischen Alpträume längst eingeholt hat.

So wird die Zukunft von Los Angeles, fürchtet Davis, uneingeschränkt den developers gehören, den Immobilienhaien, die ohne Rücksicht auf Natur und soziale Bedürfnisse die Stadt immer weiter in die Wüste hinaus "entwickeln". Die Zukunft, das sind Siedlungen wie Quartz Hill in der Mojave-Wüste: Hinter hohen Mauern, bewacht von Privatarmeen, brüten Tausende von Einfamilienhäuschen im provenzalischen Stil in der Sonne, unter die Testbomber und Spaceshuttles der nahegelegenen Edwards Airbase geduckt. Einst diente das Versprechen auf unbegrenztes Vorgartenglück dazu, die riesigen Viehranches des 19. Jahrhunderts zu zerstückeln und Greater L.A. als ein Meer von Kleinparzellen entstehen zu lassen. Heute ist aus diesem Traum vollends ein antiurbaner Alp geworden. Für ein Häuschen in der Wüste nimmt der weiße Mittelständler eine dreistündige Fahrzeit zum Arbeitsplatz in Kauf, Hauptsache, er ist den sozialen Konflikten in den Kernzonen der Megalopolis entflohen.

Dort kämpfen, im Verbund mit den seit alters her herrschenden Cliquen aus Raumfahrtindustrie, Medien und Bodenspekulation, mächtige Eigenheimbesitzer-Vereine für rein weiße und daher wertbeständige Wohnquartiere. Davis' Analyse dieser neuen sozialen Bewegung eines vom sozialen Abstieg bedrohten Mittelstandes weist weit über das Modell Los Angeles hinaus.

Die deutsche Ausgabe von "City of Quartz" ist gegenüber der amerikanischen um einige Aufsätze über die Aufstände von 1992 erweitert worden. Der Autor zeigt darin, wie soziale Spannungen durch eine quasimilitärische Unterdrückungspolitik verschärft werden. Gangs aus verzweifelten Jugendlichen werden zu Bürgerkriegsfeinden hochstilisiert, aber dem bevorstehenden wirtschaftlichen Kollaps der ganzen südkalifornischen Region hat die Politikerkaste nichts entgegenzusetzen. "City of Quartz" ist nicht nur für den L.A.-Reisenden von Interesse, der sich über die gesellschaftlichen Triebkräfte informieren will, die diese Metropole beherrschen. Es ist ein Grundlagenbuch zum besseren Verständnis des amerikanischen Way of life.