ALBERTSHOFEN. - Es ist eine alte Weisheit, daß Brücken Menschen zusammenbringen. Doch diese gilt nicht für den kleinen Ort in Unterfranken. Hier hat eine Brücke die Dorfbewohner gründlich auseinandergebracht. Zehn Kilometer östlich von Würzburg liegt der 2000-Seelen-Ort. Am Main, genauer gesagt, jenseits des Flusses. Als vor Jahresfrist bekannt wurde, daß die Gemeinde aus ihrer jahrhundertelangen Abgeschiedenheit per Brückenschlag erlöst werden sollte, herrschte helle Aufregung im Dorf. In Zell, gut 20 Kilometer flußabwärts, wurde eine 195 Meter lange Stahl-Ponton-Brücke nicht mehr gebraucht. Der Albertshöfer Gemeinderat und sein Bürgermeister Heinz Neubert sahen die Chance gekommen, den alten Traum von einer Brücke hinüber nach Mainstockheim zu einem günstigen Preis zu verwirklichen.

Gegen die Euphorie des Bürgermeisters rührte sich alsbald Protest. Es waren vor allem die Neu-Albertshöfer, die den künftigen Verkehr fürchteten. "Hier können die Kinder noch auf der Straße spielen", sagt Peter Tramski, Lehrer, Familienvater und Mitglied der Bürgerinitiative "Neue Flur", die sich gegen die Brücke ausspricht: "Die Straße zur Brücke ginge aber mitten durch unser Dorf", sagt er. Ein Gewerbegebiet sei geplant, und Laster drohen die dörfliche Ruhe zu gefährden.

Dennoch: Der Gemeinderat sprach sich für die Brücke aus, Gutachten wurden angefordert und positiv beschieden, Bund und Land sagten Fördermittel zu, die Bürgerinitiative sammelte Unterschriften und organisierte Protestveranstaltungen.

Doch dann, am 1. Oktober, kommt's: Bayerns Bevölkerung stimmt an diesem Sonntag für die Einführung des Bürgerentscheides. Jetzt reicht die einfache Mehrheit der Befragten aus, um Beschlüsse auf Gemeinde- und Landkreisebene zu fassen. Drei Jahre lang dürfen die Gemeinderäte keine Projekte verabschieden, die den Bürgerentscheiden zuwiderlaufen.

Die Albertshöfer Bürgerinitiative war eine der ersten in Bayern, die einen Bürgerentscheid auf den Weg brachten. Am 2. November mußte der Bürgermeister notgedrungen die Unterschriften entgegennehmen. Mehr als 200 Albertshöfer hatten unterzeichnet. Am 17. Dezember stimmten 1199 Albertshöfer über ihre Brücke ab. "Lähmende Stille beim Zählen", so titelte die lokale Zeitung Main-Post. 602 Albertshöfer sagen nein zur Brücke, 592 stimmen für ihre Errichtung.

Die Brücke fiel ins Wasser. Unfriede regiert seither, auch deshalb, weil im alten Dorf, dort, wo die "echten" Albertshöfer herkommen, wie sie

der Bürgermeister nennt, die Mehrheit die Brücke will. Im Neubaugebiet, wo viele Bürger zur Miete wohnen, wurde der Bau hingegen mehrheitlich abgelehnt. "Die ziehen doch eh wieder weg hier", schimpft Elmar Gimperlein. Deswegen hat er, der hier geboren ist und vom Anbau von Gartenkresse lebt, sich zusammen mit einigen anderen "Echten" erkundigt, wie man denn gegen das Verdikt der Zuzügler vorgehen könnte.