Ein Schwächling bekommt Muskeln: Seit Anfang Januar ist die Pesete, mit kleineren Schwankungen, der härteste Wert innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS), härter als die Mark und als der Franc sowieso. Es ist noch kein Jahr her, da stürzte die Pesete während der politischen Dauerkrise Spaniens von einem historischen Tiefstwert zum nächsten. Anfang März 1995 wurden schließlich als letzter Ausweg die Interventionsgrenzen innerhalb des EWS um sieben Prozent nach unten verschoben. Die Abwertung der spanischen Währung stoppte diese Notoperation aber nicht: Ende März mußte man für eine Mark fast 93 Peseten hinlegen, 10 Peseten mehr als ein halbes Jahr zuvor.

Seither hat sich die spanische Währung langsam, aber stetig erholt. Nun erreicht sie einen Wert von knapp 84 pro Mark - so gut stand sie zuletzt Ende 1994. Für viele ein völlig unerwarteter Trend. "Ein Kollege hat eine Kiste Schampus verloren, weil er die Pesete schon beim magischen Wert 100 pro Mark sah", erzählt Stefan Bauer von der Hypo-Bank in Madrid. Daß alles ganz anders kam, hat seiner Ansicht nach vor allem mit dem veränderten politischen Klima in Spanien zu tun.

Lange Zeit waren aus Madrid nur politische Katastrophenmeldungen ins Ausland gedrungen, die das Vertrauen in die Währung unterminierten. Während der ersten Hälfte des vergangenen Jahres war die Stimmung im Lande bis an den Rand der Hysterie aufgeheizt. Ausgelöst wurde diese Vertrauenskrise durch die Ende 1994 neu aufgenommenen Ermittlungen des Untersuchungsrichters Baltasar Garzón in Sachen Staatsterrorismus; eine Atmosphäre der Unsicherheit begann sich breitzumachen, geschürt durch immer neue Festnahmen, Aussagen und Enthüllungen. Wer weiß, was noch alles kommt, fragten sich die Spanier damals.

Mitte des Jahres zwang die Aufdeckung eines Abhörskandals des Geheimdienstes Cesid zwei Minister zum Rücktritt. Kurze Zeit später beschuldigte ein baskischer Politiker seinen früheren sozialistischen Parteigenossen, Ministerpräsident Felipe González, persönlich in die Politaffäre verstrickt zu sein. In diesem Moment zogen die katalanischen Nationalisten die Notbremse und kündigten ihre Unterstützung für die Minderheitsregierung unter González auf; der setzte daraufhin vorgezogene Neuwahlen für Anfang 1996 an. Die Hysterie ebbte ab, die Pesete legte zu.

Die beruhigte politische Lage machte den Blick frei für Fakten. Da ist zum Beispiel das hohe spanische Zinsniveau. "Die Risikoprämie, also die Zinsdifferenz mit Deutschland, von etwa vier Prozentpunkten ist höher als das von vielen Anlegern tatsächlich empfundene Risiko", sagt Hypo-Banker Bauer. Das heißt: Für diese Anleger lohnt es sich, ihr Geld in Spanien zu lassen. Mit der Hochzinspolitik versucht die seit einem Jahr unabhängige Banco de Espana der unverändert hohen Inflation beizukommen. Aus der von Wirtschaftsminister Pedro Solbes angepeilten Teuerungsrate von 3,5 Prozent ist nichts geworden; zum Jahresende waren es 4,3 Prozent, wie im Vorjahr. Dennoch ist Solbes mit gewissem Recht für die nächsten Monate optimistisch: Während die Spanier Anfang vergangenen Jahres eine Anhebung der Mehrwertsteuer und eine Reihe weiterer staatlich festgesetzter Preiserhöhungen hinnehmen mußten, hat sich die Regierung in diesem Jahr bisher zurückgehalten. Die Chancen für eine Inflationsrate unter der Vierprozentmarke stehen gut - ein in Spanien seit Jahrzehnten unbekannnter Wert.

Mit einiger Selbstzufriedenheit verkündete Minister Solbes vor kurzem einen weiteren Erfolg: Das Haushaltdefizit des vergangenen Jahres ist mit 5,7 Prozent des Inlandsprodukts geringer ausgefallen als angesetzt. Ein reguläres Haushaltsgesetz für das laufende Jahr 1996 konnten die Sozialisten wegen fehlender Mehrheit im Parlament zwar nicht mehr verabschieden; jetzt hat die Regierung aber per Dekret Ausgabenkürzungen von 7,5 Prozent in jedem Ressort mit Ausnahme des Gesundheitswesens verordnet. Damit soll das angepeilte Defizitziel für dieses Jahr (4,4 Prozent) erreicht werden. Im nächsten Jahr müßten es dann bereits die geforderten 3 Prozent sein, wenn Spanien erster Klasse in der Europäischen Währungsunion mitfahren will.

Daß in jüngster Zeit auch Deutschland mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, wird in Spanien mit einer Mischung aus Genugtuung und Sorge aufgenommen. Genugtuung, daß der Musterschüler im Norden nicht länger auf den armen Süden herabschauen kann. Sorge, weil das Stottern der deutschen Konjunkturlokomotive auch in Spanien zu vernehmen sein wird. Die für dieses Jahr angepeilte Wachstumsrate ist auf rund drei Prozent nach unten korrigiert worden, immer noch ansehnlich im europäischen Vergleich. Und der nach fünf Jahren Trockenheit langersehnte Regen dürfte zu neuer Beschäftigung in der Landwirtschaft führen. Doch mehr Vertrauen als in den unsteten Regen setzen viele in die künftige Politik. Der absehbare Sieg der gemäßigt konservativen Partido Popular unter ihrem Vorsitzenden José Maria Aznar bei den Parlamentswahlen am 3. März wird jedenfalls oft als Grund für die derzeitige Stärke der Pesete genannt. "Aber wenn er erst einmal gewählt ist, was dann?" fragt sich Banker Stefan Bauer. "So viel anders als sein Vorgänger wird er es auch nicht machen können."