Die Deutschen kommen. Sie schleppen, was die Arme tragen: Schnaps, Zigaretten, Lakritz und Wurst. Die Augen des Zöllners kreisen: Gesicht, Paß, rechte Tüte, linke Tüte und tschüs. Sonderburg, Dänemark, Montag nachmittag um halb vier. Soeben haben die Deutschen das Schiff verlassen und die Pier passiert; jetzt nur noch die Straße rüber, rein in den Bus und ab nach Hause - ein Königreich in zehn Minuten. "Butterfahrt" nennen das die Deutschen, "Sprittur" die Dänen. 1999, am 30. Juni, soll Schluß sein damit.

"Preiswert, näh. So preiswert. Man kann ja so dankbar sein." Zentraler Omnibusbahnhof, Hamburg, Montag morgen um halb zehn: Frau Veichtinger steigt in den Bus, nimmt Platz auf der rechten Seite, in Reihe vier, linker Sitz, "damit die Sonne nicht blendet". Sie kann es wieder mal nicht fassen: Mit vier Mark ist sie dabei! Für nur vier Mark wird sie von Hamburg nach Sonderburg fahren und zurück. So wie jeden Montag. Vor einer Stunde hat sie ihr kleines Zimmer im Pflegeheim verlassen; zu Fuß ist sie dann die vier Kilometer von Barmbek zum ZOB gelaufen. "Das ist gesund", sagt Frau Veichtinger.

An diesem Montag wollen nur neunzehn Hamburger butterfahren, acht Männer und elf Frauen - die meisten sind Stammkunden. Alter: ab sechzig aufwärts. Die Damen tragen Dauerwelle, braun oder grau mit Gelbstich; die Herren zeigen Kopfhaut oder haben die Haare straff nach hinten gebürstet. Manche trinken Bier, manche Kaffee. Alle sitzen allein, im Zickzack, einer rechts, einer links, die Reihen runter, bis auf die Damen gegenüber der Mitteltür, "damit man schneller aussteigen kann".

Ab und zu kommt ein Butterfahrer aus dem Sitz hoch, beugt sich vor und tippt dem anderen auf die Schulter; man wechselt wenige Worte, man nickt, man lächelt, man nickt und schaut wieder aus dem Fenster. Butterfahrerdeutsch: "Letztes Mal standen wir im Stau." - "Bratwurst mit Gemüse und Kartoffeln für fünf fünfzig." - "Preiswert, näh!" - "Früher sind wir zweimal im Monat mit der Gewerkschaft weggefahren."

Zwei Fläschchen Sekt hat Frau Veichtinger schon getrunken, als der Bus den Nord-Ostsee-Kanal überquert. Jetzt ist die dritte dran: "Pony-Sekt" aus der Busbar für drei Mark fünfzig. Für Frau Veichtinger ist das viel, denn sie bekommt nur 200 Mark Taschengeld im Monat - für zollfreien Schnaps auf dem Schiff wird es wieder mal nicht reichen. Aber Sekt muß sein: Am Montag kann sie Zeiten, Zwänge und den Früchtetee des Pflegeheims links liegenlassen.

"Vier Kinder hab' ich groß gezogen, vier Kinder", sagt Frau Veichtinger zu dem Herrn im weißen Anzug. "Ich hab' geschuftet bis fünfundsechzig. Im Postamt hab ich saubergemacht, bis zum Schluß." Der Herr nickt, Frau Veichtinger strahlt. "Ich hab' von einer Freundin gehört. Die hat viel Geld und liegt jetzt krank. Jetzt hat sie nichts mehr von ihrem Geld." Der Herr schaut aus dem Fenster. "Meine Kinder sagen: ,Mama, gönn dir mal was!` Nur vier Mark. Mein Enkel studiert, muß weg von Hamburg. ,Ich bin ganz traurig Oma`, hat er gesagt." Der Herr schaut aus dem Fenster, Frau Veichtinger reicht ihm einen Schluck Sekt. "Kommst du nächsten Montag wieder mit?" Der Herr nickt, Frau Veichtinger strahlt. Butterfahren verbindet.

Die Butterfahrer kommen. Aus Schneverdingen, Itzehoe, Hitzacker und Hamburg. Der Wirt im Kappelner "Café Kö" trocknet die Biergläser und schaut auf den Parkplatz am Hafen: "Raus aus'm Bus und rinn ins Schiff", grummelt er, "die bringen mir fast gar nichts!" Kappeln an der Schlei hat allerhand zu bieten, auch mittags um zwölf: zum Beispiel Amanda, die höchste Windmühle Schleswig-Holsteins, oder das Restaurant "Aurora", ein paar Schritte hinterm Parkplatz. Hier hat der ZDF-"Landarzt", Doktor Ulrich Teschner, seinen Stammtisch.