Der Chef hatte es geahnt. Als Bernhard Jagoda, Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, vor einem Monat die unerwartet hohen Arbeitslosenzahlen für Dezember verkündete, ließ er bereits durchblicken, daß es für den deutschen Arbeitsmarkt noch viel schlimmer kommen könnte. In dieser Woche nun mußte er einen neuen Rekord melden. Nur zwei Jahre nach dem Tiefpunkt der schwersten Nachkriegsrezession ist die Zahl der Menschen ohne Arbeitsplatz in Deutschland schon wieder deutlich über die Marke von vier Millionen geklettert.

Dabei gibt diese Zahl das wahre Ausmaß des Desasters noch gar nicht wieder. Zusammen mit den Kurzarbeitern, den Beschäftigten in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, den Umschülern und den vielen Menschen, die gerne arbeiten würden, sich aber nicht registrieren lassen, ergibt sich eine Zahl von sechs bis sieben Millionen. Davon gelten knapp eine Million offiziell als Langzeitarbeitslose. Zahlen, die böse Erinnerungen wachrufen.

In der Tat muß die Parallele mit der Endphase der Weimarer Republik beunruhigen. 6,1 Millionen Menschen waren im Februar 1932 offiziell arbeitslos, schätzungsweise weitere 1,5 Millionen waren "unsichtbar arbeitslos".

Der Historiker Heinrich August Winkler beschreibt die Situation von damals: "Wenn es ein Wort gibt, in dem sich die Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre bündeln lassen, so lautet es: Arbeitslosigkeit . . . Der Arbeitslose ist die Verkörperung einer Epoche geworden." Und wie jeder weiß: Parallel mit dem Anstieg der Arbeitslosenzahl erlebte Adolf Hitlers NSDAP ihren kometenhaften Aufstieg. Daher schwingt bei der Debatte über die Massenarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik, wenigstens im Hintergrund, immer die Frage mit: Könnte sich die Geschichte wiederholen?

Tatsächlich spielte die Erfolglosigkeit der Weimarer Regierungen bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in den Wahlkämpfen der Nazis eine zentrale Rolle. Ihre Klebekolonnen hängten 1932 in großer Zahl Plakate auf, auf denen Arbeiter mit verhärmten Gesichtern aus grauen Häuserschluchten heraustraten: "Unsere letzte Hoffnung: Hitler". Und im März 1933, nach der Machtübergabe, plakatierten sie: "Was ein Adolf Hitler verspricht, das hält er! . . . Innerhalb vier Jahren ist die Arbeitslosigkeit behoben!"

Dabei war die NSDAP mit ihrer Agitation gerade unter den Arbeitslosen gar nicht sonderlich erfolgreich. Im Juli 1932 stimmten nur 16 Prozent der erwerbslosen Wahlberechtigten für Hitler, bei den erwerbslosen Arbeitern waren es sogar nur 13 Prozent (Wahlberechtigte insgesamt: 31 Prozent). Bei den Wahlen vom November 1932 und März 1933 zeigte sich ein ähnliches Bild.

Wenn es eine Partei gab, die von der Arbeitslosigkeit profitierte, dann waren es die Kommunisten. 31 Prozent der Erwerbslosen stimmten im November 1932 für die KPD, bei den erwerbslosen Arbeitern waren es sogar 34 Prozent, gegenüber 14 Prozent im Durchschnitt der Wähler. Die KPD wandelte sich in der Weltwirtschaftskrise geradezu von einer Arbeiterpartei zu einer Arbeitslosenpartei; 85 Prozent der Parteimitglieder waren im April 1932 erwerbslos. Die Partei war allerdings machtlos, ein Umstand, den sie mit radikalen Sprüchen und gelegentlichen Gewaltakten zu kaschieren versuchte. Aber auch, wenn man die Anteile von KPD und NSDAP zusammenlegt, liefern die Zahlen keinen Beleg für die These von einem besonderen Hang der Arbeitslosen zum politischen Radikalismus; im März 1933 stimmten sogar deutlich weniger Arbeitslose als Normalbürger für eine der beiden Flügelparteien.