Im Herbst 1922, wenige Jahre nach dem großen Völkerschlachten, macht sich ein deutscher Politiker und Publizist auf den Weg, um ein Land zu erkunden, das hinter den Mythen blutrünstiger Kriegsberichterstatter und chauvinistischer Unterhaltungsschriftsteller verborgen lag. Hermann Wendel, der den echten, den unverfälschten Balkan suchte, war ein ehrenwerter Mann: Historiker mit seltenen Kenntnissen des europäischen Südostens, Verfasser blendend formulierter Studien, sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, der 1933 ums Leben flüchten mußte und 1936 im Pariser Exil starb.

Wendel war angewidert vom deutschen Hochmut, der in den Schluchten des Balkan Karl Mays schnauzbärtige Pistoleros vermutete, und wurde nicht müde zu verkünden, daß das neugegründete "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" ein europäisches Kernland sei. So trat er die Reise mit den vorzüglichsten Eigenschaften des Reisenden an, mit Respekt, erheblichem Vorwissen und dem Vorsatz, das kleine Leben, die alltäglichen Verrichtungen der Leute genau und geduldig zu beobachten und sich nicht täuschen zu lassen von dem, was er von dritter Seite, von den notorisch sprachenunkundigen Fachmännern und den im doppelten Wortsinne rasenden Reportern, gehört oder aber sich selber in Bibliotheken erlesen hatte.

Doch was sah der Vortreffliche, kaum daß er die österreichische Grenze südwärts überquert hatte und nach Krain, ins Slowenische, gekommen war? Er begegnete dem Leben selber. Unter diesem anderen Himmel schwankte ihm der Mais, der Kukuruz, sanfter als zu Hause, das Weinlaub umhüllte die bescheidenen Häuser dichter, die roten Äpfel und die blauen Pflaumen, sie leuchteten inniger, und selbst daß der Wein, der gepriesene Zwitschek, säuerlicher schmeckte, was hieß es anderes, als daß er eben "ehrlicher" war. Kurz, aus der Zivilisation mit ihren Lügen, falschen Bedürfnissen und vielfachen Vermittlungen war der Professor jäh in die Unmittelbarkeit gestürzt, aus der Welt der Waren in die wahre Welt zurückgekehrt. Der gestrenge Historiker beschreibt den Sturz aus der Geschichte denn emphatisch als beglückende Erfahrung, und als er jenes Land des "Guten, Hellen, Warmen" wieder verlassen muß, glaubt er, in ein Gefängnis heimzukehren, dessen Tor gleich beim Grenzübertritt hinter ihm "eisern ins Schloß fällt".

Hermann Wendels Buch "Krainer Tage", erschienen 1922, ist durchaus lesenswert geblieben. In der langen Kette von Reisebeschreibungen, die seit dem 18. Jahrhundert dem deutschen Publikum das ferne, fremde Land Slowenien vorstellen möchten, ist es eine der wenigen Perlen. Ein Abschnitt der "Krainer Tage" findet sich jetzt in einem Buch abgedruckt, in dem zwei ausgewiesene Kenner Sloweniens, der Übersetzer Klaus Detlef Olof und der Slawist Milos Okuka, Reiseberichte aus fünf Jahrhunderten zusammengestellt haben: "Traumreisen und Grenzermessungen" heißt es, und zu den vergnüglichsten Einsichten, die dieses qualitativ außerordentlich heterogene Lesebuch eröffnet, zählt jene, daß sich zwar die Verhältnisse ändern, aber nicht das, was die Reisenden zu entd ecken entschlossen sind. Sie alle nämlich, die doch so genau schauen, finden seit Generationen immer das gleiche - das andere, das intensivere Welterleben, die Existenz außerhalb der Geschichte, den Moment der Unmittelbarkeit, die Epiphanie, da die Dinge selber wesenhaft vor uns treten.

Sechzig Jahre nach dem begabten Gelegenheitsdichter Wendel sollte etwa Peter Handke die Slowenen wiederentdecken, und der gewiß schöne Roman "Die Wiederholung" instrumentiert genau jene Empfindungen, die einst den Politiker Wendel zum glückseligen Innehalten nötigten: die Empfindung, einen Ort jenseits der geschichtlichen Verhältnisse und Verhängnisse gefunden zu haben, an dem die Existenz reine, zweckfreie Hinnahme ist. In dem Abschnitt aus der "Wiederholung", den die Herausgeber in ihr Lesebuch aufgenommen haben, sind die Übereinstimmungen zwischen dem Dichter unserer Tage und dem Politiker von 1922 frappant. Dieselben Maiskolben, dieselben Weinreben, dieselbe Fülle in Armut, Reichtum also, der nicht zur Luxusware verkommen ist und nicht von anonymen Kartellen in alle Weltregionen verbracht, sondern gewissermaßen von Mensch zu Mensch ausgetauscht wird. "Schönheit des Ursprungs" weiß Handke das zu nennen.

In diesem Bild Sloweniens, das nicht nur das von Wendel und Handke ist, ruhen tief und edel die vorkapitalistischen Idyllen. Doch die Völker, diese Bengel, tun leider allzu selten, was wir uns von ihnen wünschen, und so erwiesen sich auch die Slowenen als hinreichend triviale Menschen, daß sie partout nicht in der Vorgeschichte wie in einer Naturgeschichte der Menschen verharren, sondern dummerweise in die Geschichte eintreten und all die überflüssigen Errungenschaften anderer geschichtsmächtiger Nationen auch für sich beanspruchen wollten.

Wer den rasanten gesellschaftlichen Wandel Sloweniens im letzten Jahrzehnt beobachten konnte, findet freilich Gründe genug, enttäuscht zu sein. Das ist nicht mehr jenes liebenswürdige Land zwischen den Kulturen und Systemen, das sich längst vor der Staatswerdung von kommunistischer Zensur und Diktatur freigekämpft hatte. Die Verdammung der jugoslawischen Zeiten, wie sie heute in Slowenien endemisch praktiziert wird, ist tatsächlich verlogen, und im Wunsch der Slowenen, nationale Unabhängigkeit zu erlangen, ist jener wenig ehrenhafte Egoismus nicht zu unterschätzen, der auch in der reichen Lombardei viele von einem eigenen Staat, mit festen Grenzen gegenüber den Armen des Südens, träumen läßt.