Posaunenstöße und Feuer und Tod. Requiemfanfare und großes Vibrato: "Herr, mein Gott, hör mein Fleh'n." Hier in Duisburg kann man das Zerreißen menschlicher Herzen hören, live und direkt übertragen, mit einer Dauerbelastung bis zu neunzig Dezibel. Jedem Sänger, jedem Tänzer ist mit Leukoplast ein Knopfmikro auf die Stirn oder übers Ohr geklebt. Im Musical gibt es keine Geheimnisse mehr. Im neuen Duisburger Musical-Theater, das Ende Januar mit dem Stück "Les Misérables" eröffnet wurde, gucken nun Abend für Abend die weißen oder rosa oder grünen Scheinwerfer dem Leben so richtig tief in die Falten hinein. Und siehe, es ist, wie das echte Leben erwartungsgemäß zu sein hat: wahr und wunderprächtig, ergreifend schlicht und schön. "Fast zu schön, um wahr zu sein", singt bebenden Busens das junge Proletenblut, wie es da eben im Begriffe ist, den Heldentod zu sterben: "Der Regen wäscht mein Leben rein." Die Lautsprecher scheppern. Das Mädchen liegt, mitten durch die Brust geschossen, in den Armen ihres Liebsten vor der Barrikade. Diese ist eine bühnentechnische Sensation, sie dreht sich, kippt, klappt auf in zwei Teile, die fahren auf und nieder und fügen sich so blitzschnell zu immer neuen Tableaus zusammen. Der Liebste dagegen ist ein Trottel, er hat das arme Kind vorher nie recht beachtet. Da wird das Licht plötzlich bläulich, das Mädchen bleich, und alle weinen.

Speziell in diesem Musical sind vor allem gute Menschen unterwegs. Selbst die Bösen umgibt ab und an ein frommes Leuchten, wenn sie angehaucht werden von der Ewigkeit, vom Tod, von der Liebe oder von Gott. "Les Misérables" erzählt, frei nach Victor Hugo, rührende Geschichten von ganz armen Leuten, von Studenten und Arbeitern, Schurken und Liebespaaren rund um die Pariser Julirevolution von 1832. Da wird schön viel gestorben. Und der Name Gottes findet mindestens so häufig Anwendung wie der gebrochene Durdreiklang, auf dem zweiten Platz gefolgt von den Worten "immer" oder auch "nimmermehr", vom seligen Sextsprung aufwärts oder der traurigen kleinen Sekunde abwärts. Es geht im modernen Musical, wie in den alten feudalen Barockopern, nur um die großen, die letzten und allerletzten Dinge.

Seit elf Jahren läuft "Les Misérables" nun schon im Londoner Westend, seit neun Jahren am Broadway, vor acht Jahren fand in Wien am Raimundtheater die deutschsprachige Erstaufführung statt. So gesehen ist Duisburg reichlich spät dran. Dabei ist Deutschland ein dankbares Pflaster für Musicals.

Schon jetzt sind die tausendfünfhundert Plätze im Duisburger Theater über Monate im voraus ausgebucht. Erst acht Wochen ist es her, daß in Niedernhausen, im Taunus bei Wiesbaden, ein Theaterneubau mit tausendfünfhundert Plätzen eingeweiht worden ist, bestimmt für die Daueraufführung des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals "Sunset Boulevard", produziert von Lloyd Webbers britischer Really Useful Group. Die nächsten Premieren: Noch in diesem Jahr wird in Essen die zum Theater umgebaute AEG-Kanis-Fabrikhalle ihre Pforten öffnen. Die deutsche Stella Musical AG präsentiert in dem historischen Gebäude den aufgewärmten Webberschen Rock-Oldie "Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat". Alsdann will das Millionenunternehmen Stella in Stuttgart-Möhringen gleich neben ihrem höchst ertragreichen "Miss Saigon"-Tempel einen zweiten Theaterbau hochziehen, bestimmt für das Disney-Rührstück "Die Schöne und das Biest", das in Wien bereits angelaufen ist. Mit Disney drängt der nächste Konkurrent auf den europäischen Musical-Markt.

Für 1997 plant Stella die Eröffnung eines Musical-Palastes auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Mit welchem Stück, das ist augenblicklich noch top-secret. Da es sich aber zweifellos wieder um eine erfolgssichere Lizenzproduktion handeln wird, kommt nur das neueste Schweiß-Blut-und- Tränen-Musical "Martin Guerre" in Frage. Es ist ausnahmsweise nicht von Andrew Lloyd Webber, sondern von dem französischen Team Alain Boublil/Claude-Michel Schönberg, die schon mit "Miss Saigon" und "Les Misérables" in Herzen und Geldbeuteln rühren. Die ersten Previews laufen im Mai im Londoner Westend an. Und im Herbst soll endlich das nächste Öuvre des Musical-Fabrikanten Lloyd Webber fertig sein: "Whistle down the Wind". Nur wird das wohl kein Geschäft mehr für den deutschen Lizenznehmer Stella. Denn Lloyd Webbers eigene Firma hat schon signalisiert, daß sie in Zukunft die eigenen Musicals auch in Deutschland selbst zu Markte tragen wird. Die Stella ist in den vergangenen zehn Jahren durch Webber-Musicals wie "Cats", "Phantom der Oper" oder "Starlight Express" von einer kleinen Klitsche zum marktbeherrschenden Konzern angewachsen, der die Konkurrenz schluckt oder killt, je nachdem. Es ist Gründerzeit im Musical-Land Germany: Zeit für Spieler und Spekulanten.

Wenn alle Stuttgarter "Miss Saigon" gesehen haben, setzen sie sich in den Bus und fahren zum "Phantom der Oper" nach Hamburg oder zum "Starlight Express" nach Bochum, und die Bochumer oder Hamburger machen es ebenso: Sie fahren übers Wochenende nach Stuttgart oder Duisburg, um sich noch mehr Musicals anzugucken. Ebenso machen es die Münchner und die Kasseler und die Frankfurter und alle anderen, die das Pech haben, keinen Musical-Dauerbrenner in der eigenen Stadt erleben zu dürfen. Sie brausen busweise kreuz und quer durch die Republik auf der Suche nach Erbauung und Unterhaltung, nach Wahrheit und Schönheit.

Manche können nicht mehr davon lassen. Über eine gewisse Christine (42) vom Bodensee - konnte man in der Bild am Sonntag lesen - soll der Bochumer "Starlight Express" bereits 112mal hinweggerollt sein. Sie scheute keine Strecke für diese Lustbarkeit. In Boulevardzeitungen wird immer wieder von Abhängigen berichtet, die es schon 75mal ins "Phantom der Oper" zwang oder auch 276mal in "Cats".