Eigentlich müßte man sich als Berichterstatter beim Berufsverband Deutscher Psychologen (bdp) für dessen Tagung vergangene Woche bedanken. Schon der Titel war wunderschön mediengerecht: "Karriere(n) in der Krise - die seelischen Kosten des beruflichen Aufstiegs". Kein Fragezeichen, wie es vorsichtige Wissenschaftler für gewöhnlich lieben. Da weiß man sofort, was Sache ist. Die Presse honorierte den zupackenden Stil und erschien zahlreich: Auf drei Fachteilnehmer kam in Berlin ein Medienvertreter, gut fünfzig insgesamt. Sie wurden nicht enttäuscht. Gleich der erste Referent liefert die knalligen Formulierungen frei Haus.

Schlimm geht's zu in deutschen Firmen. Da mobben "verschworene Betriebskampfgruppen mit Guerillataktiken", die Arbeitnehmer schützen sich mit einer "formschönen Fassade, in der sie nach allen Seiten stoßfest, bruchsicher und abwaschbar erscheinen". Auch ein paar passende Statistiken wurden mitgeliefert, ohne lästige Angaben, was da genau wie untersucht wurde. Futter lieferten auch Jürgen Hesse und Hans-Christian Schrader. Vor zehn Jahren sollten sie noch wegen eines ihrer kaum von Sachkenntnis beschwerten Testknacker-Bücher aus dem bdp ausgeschlossen werden, was im letzten Moment scheiterte, weil sie gar keine Mitglieder waren. Jetzt durften sie ihre griffigen Erkenntnisse - "Ungeliebte Chefs waren ungeliebte Kinder" - vortragen: Einer Untersuchung der "renommierten Unternehmensberatung Kienbaum" zufolge seien über sechzig Prozent der untersuchten Führungskräfte neurotisch gestört. Die Zahl ist ja so eindrucksvoll, da macht es nichts, daß Kienbaum entschieden dementiert und Hesse und Schrader die fragliche Untersuchung nie im Original gesehen haben.

Den Berufsverband Deutscher Psychologen stört das nicht, den Journalisten sagt es keiner. Die richten bei der Pressekonferenz sechs ARD- Mikrophone gleichzeitig auf die beiden, der SFB schickt obendrein den Hotelboy mit einer Tafel vorbei, um Herrn Hesse ans Telephon zu rufen, was aber jetzt leider nicht geht. Hesse bestätigt gerade einer Rundfunkjournalistin, Frauen seien die besseren Führungskräfte, und beklagt kokett, daß er ausgerechnet bei dieser Konferenz dem Streß sein Mittagessen opfern müsse.

Ein smarter Jungforscher preist seine Dissertation als erste deutsche Arbeit, die einen "umfassenden Überblick" zum Problem der Arbeitssucht biete. Noch theoretisiert er ein wenig arg für den Mediengeschmack, elf von zwölf Hypothesen hätten zu signifikanten Ergebnissen geführt; die Presse aber will ungehalten nur wissen, was da rausgekommen ist. Beim nächsten Kongreß wird er gewiß etwas flotter als diesmal klarstellen, welche Konsequenzen aus der kaum begonnenen Forschung für die Bekämpfung der Arbeitssucht gezogen werden können.

Von keiner Wissenschaft belastete Erfolgsgeschichten erzählt ein fröhlicher Psychologe, der sich in Schwäbisch Hall als Trainer von Führungskräften betätigt: Topmanager fehlten zwar am Ort, doch er habe sich mit kleinen Selbständigen wie einem Bäckermeister und einem Schuhmacher behelfen können. Letzterer hat dank der professionellen Hilfe inzwischen ein Schuhatelier. Das Ganze nennt sich coaching und ist laut Werbespruch der "Weg zu Leistungsoptimierung und Führungskompetenz".

Bei so viel Köstlichem für die Journalisten muß dieser Notruf wie ein masochistischer Wunsch erscheinen: Lieber, lieber bdp, bring bitte wieder Gelehrte vom alten Schlag aufs Podium. Bring den Typ wieder, der mit methodischen Vorbemerkungen langweilt, der statt 3-D-Graphiken aus dem Präsentationsprogramm schlicht und ergreifend handgekritzelte Folien auf den Tageslichtprojektor legt und dem auf die Frage nach der Praxisrelevanz seiner Forschung nichts Rechtes einfällt. Da bekommt unsereiner wenigstens die notwendigen Fakten, um sich ein Bild des Erkenntnisstands zu machen, das er in mühevoller Kleinarbeit dann journalistisch aufbereitet. Schön altmodisch, nicht wahr? Heute braucht es nur noch knackige Slogans oder, wie das in Berlin heißt: Leseoptimierung und Versimpelungskompetenz, angeboten von