Manche Bücher machen schwach. Ihnen verfällt man. Hier ist so eines: Eine junge Engländerin lernt im Zug einen deutschen Pastor kennen, heiratet ihn, bekommt sieben Kinder von ihm, versucht auszubrechen und schafft es nicht. In der Geschichte liegt der Reiz nicht. Elizabeth von Arnim hat die Ironie, die Abstand schafft und die freundliche Aufmerksamkeit auch für die kleinsten Nebensächlichkeiten, die den guten Romancier auszeichnen. Und sie hat den Mut zum Kitsch, ohne den es keine wirkliche Kunst gibt.

"Die preußische Ehe" ist ein riesiges Ausweichmanöver. Die Hochzeitsnacht wird nicht einmal erwähnt, von den Flitterwochen heißt es nur, daß die Heldin dafür "wahrscheinlich keine Begabung" besäße, dennoch ist die Sexualität das zentrale Thema des Buches. Das Verschweigen des Sexuellen bei gleichzeitiger genauester Schilderung der emotionalen Kastration der Heldin wirkt obszön. Es ist die Obszönität einer Wirklichkeit, die der Frau keine sexuellen Wünsche erlaubt. Elizabeth von Arnim hat ihr stark autobiographisches Buch erst 1914, nach dem Tode ihres Gatten, veröffentlicht. Sie ist dem Konflikt mit dem Ehemann ausgewichen. Ihrem Buch hat das nicht geschadet.

Es gibt neben der Ästhetik des Widerstandes auch eine der Anpassung. Der Glaube, nur der eine Weg sei begehbar, wird durch Bücher wie dieses widerlegt. Elizabeth von Arnim schildert ihre Welt so distanziert und klarsichtig, wie sie kann, aber sie vergißt nie, daß sie selbst ein Teil davon ist. So wird auch dem Leser niemals die Illusion erlaubt, es gäbe einen Standpunkt außerhalb der Geschichte. Sie erzeugt den Lesesog nicht, indem sie die infantilen Allmachtsphantasien ihrer Leser anspricht. Ihr Buch ist ein Schmöker für Erwachsene, für Menschen, die wissen, daß es keine endgültigen Lösungen gibt, Menschen, die nicht mehr von Schwertern träumen, mit denen sie gordische Knoten zerschlagen können, sondern für Leser, die wissen, daß Fesseln sorgfältig aufgelöst werden müssen, wenn man die Gefesselten befreien und nicht umbringen möchte.

Elizabeth von Arnim: Die preußische Ehe; aus dem Englischen von Sybil Gräfin Schönfeldt, Nachwort von Annemarie Stoltenberg; Ullstein-Taschenbuch, Frankfurt/Main, Berlin 1996; 444 Seiten, 16,90 Mark