Microsoft Wine Guide 1995 In Englisch; für 486er PC, Soundkarte empfohlen, Vertrieb: Microsoft; 59,90 Mark Geigenmusik mit rhythmischem Korkenploppen und dann das Bild von jemandem, der aussieht wie Phil Collins: So beginnt der Microsoft Wine Guide. Und bevor nun jemand "wieder so ein CD-ROM-Nachschlagedings" befürchtet, sei sogleich herausposaunt: Hier kommt höchst vergnügliche Guck-, Hör- und Spielware mit hohem Informationswert. Was es ja nicht eben häufig gibt.

Oz Clarke ist Weinschreiber beim Daily Telegraph, seine Kolumnen sind bekannt für Sachkenntnis und gesunden Menschenverstand. Er führt uns auf dieser CD durch die Welt des Weines. Jedesmal, wenn wir Clarke anklicken, setzt sich ein kleiner Videofilm in Bewegung, und der Meister gibt Proben seines komödiantischen Talents. Da steckt er seine Nase in ein Glas Rhonewein, schaut hoch, verdreht die Augen und ruft aus: "Tonnenweise, tonnenweise Früchte, die aus diesem Glas hervorbrechen!" Das vergißt nicht, wer auf diese Weise zum ersten Mal von den Syrahwundern Frankreichs erfährt.

Es macht gehörigen Spaß, einen kleinen Ozzy im Guckkasten zu haben, der die Nase bei korkigem Wein verzieht, abgebrochene Korken aus Flaschen angelt oder das Öffnen einer Champagnerflasche zu einem nervenzerfetzenden Ereignis werden läßt. Und besser, als Oz Clarke es uns am Bildschirm vormacht, kann kein Weinbuch das delikate Dekantieren vorführen.

Diese CD-ROM kommt nicht als Lehrprogramm, Enzyklopädie oder Ratgeber daher und ist doch alles das zugleich. Nur eben, daß der Homo ludens angesprochen wird. Wir können spielerisch und durch Herumwandern in der Weinwelt erfahren, was es alles gibt und was alles möglich ist.

Da zeigt Oz Clarke uns beispielsweise nicht bloß eine Liste zum Thema "Welcher Wein zu welchem Essen", sondern präsentiert auch gleich eine Suchmaschine: Wir geben Gerichte ein, der Computer antwortet. Nicht selten sind diese Vorschläge gut durchdacht - etwa ein trockener Moselriesling namens Eitelsbacher Karthäuserhofberg zum Vitello tonnato. Zu schwarzen Trüffeln werden gar 288 verschiedene Weine empfohlen - zu Würstchen mit Aioli, einem lediglich zu Testzwecken ersonnenen Gericht, selbstverständlich kein einziger. Gewagt freilich ist die Empfehlung, zu Chili con carne den gewiß robusten, aber doch sehr edlen Rhonewein Les Jumelles von Jaboulet zu trinken. Was für eine Verschwendung.

Die Datenbasis des Wine Guide umfaßt etwa 6000 Weine. Und nicht nur die Menge macht's, auch die Wertung ist treffsicher. Bei deutschen Weinen zum Beispiel räumt Clarke den Rieslingen von Fritz Haag eine herausragende Stellung ein - eine verdiente Ehrenrettung, nachdem die US-amerikanische Illustrierte Wine Spectator bei ihrer vergangenen Riesling-Übersicht das Moselweingut nicht einmal erwähnte.

Die Vollständigkeit ist es, die am meisten verblüfft. Österreichs phantastischer Chardonnay von Willi Bründlmayer wird gefeiert, sogar der dünne Llano Estacado aus Texas ist erwähnt, und aufgeführt sind, endlich einmal, viele Zweitweine von berühmten Châteaus aus dem Bordelais (diese preiswerten Weine, durchweg gut gemacht, stammen meist von jungen Reben oder sind einfach das, was über die gesetzlich vorgeschriebene Maximalmenge hinaus produziert wurde).