Berlin Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut! schmetterte einst der Oktoberklub, die Domkantorei der SED. Was Trümmer wären, bestimmte dabei nicht die Bausubstanz, sondern der Genosse Staatsvorsitzende, Walter Ulbricht.

Dieser unvergeßliche Baumeister der Zukunft beschenkte Jena, Leipzig und Neubrandenburg mit aparten Türmen des Sozialismus und befreite Berlin vom Hohenzollernschloß. Als Ulbricht in den fünfziger Jahren durch Dresden kutschierte, kränkte die Sophienkirche sein fortschrittliches Auge. Am liebsten, rief er aus, führe er die Kirche mit dem Auto einfach um! Leider übernahm ein Sprengkommando Genosse Ulbrichts aufopferungsbereiten Plan.

Ulbricht starb erst 1973. Sein Tod hinterließ eine schmerzliche Lücke, und zwar in Berlin-Mitte, schräg gegenüber dem Lustgarten. Dort ließ nun der Genosse Honecker, welchem die Zukunft inzwischen anheimgefallen war, bis 1976 den Palast der Republik errichten. Schon während der dreijährigen Bauzeit wurde derart penetrant vom Haus des Volkes gejubelt, daß ein erheblicher Teil unserer Menschen gelobte, nie einen Fuß in den Palazzo prozzo zu setzen.

Um ehrlich zu sein, haben das nur die tapfersten Oppositionellen durchgehalten. Die Masse bediente sich des Volkspalasts mit tummelndem Vergnügen, kegelte, schwofte, lauschte Santana, Mitch Ryder und Erich Fried und pichelte jene preisgünstigen Riesenbiere, von denen der Dresdner Dichter Thomas Rosenlöcher sagt, sie seien die eigentlichen Generalsekretäre des DDR-Bürgers gewesen.

Das Volk trank aus, die Mauer fiel, die DDR verschwand, und es erschien die DDR-Identität. Es gibt sie: als Unterschied von SED-Ideologie und Lebenswelt Ost. Das Symbol ihrer Ambivalenz ist der Republikpalast. Den hätten die neuesten Sieger der Geschichte längst geschleift, wäre da nicht diese rätselhafte Bockigkeit der Ostler, die den Schlußstrich unter ihre Geschichte verweigern.

Die DDR hat stattgefunden, aber anders, als sie dachte. Und nicht nur die willfährige Volkskammer saß ja im Palast, sondern auch das einzige frei gewählte Parlament der DDR. Wer geschichtlich denkt, muß Brüche dokumentieren, sonst betreibt er die Propaganda des Augenblicks. Demokratie zerstört nicht, sie integriert - falls sie weiser, also gerechter ist als Diktatur.

Seit Jahren gammelt der Palast vor sich hin: Leerstand wegen Asbest. Seit Jahren bastelt die westdeutsche Abriß-Lobby am volksverträglichen Alibi. Jetzt ist das Schummelwort gefunden: Asbestbeseitigung - nicht zu verwechseln mit Asbestsanierung, wie sie dem ideologisch nicht kontaminierten Westberliner ICC zuteil wird. Asbestbeseitigung heißt: Abriß bis aufs Gerippe.