Hamlet und Othello blicken finster von der Wand. Zeitungsartikel, Erinnerungsschreiben und Urkunden kleben ohne erkennbare Ordnung auf den weißen Tapeten. Bücher, Hefte und Broschüren stapeln sich auf Tisch und Regalen, Schreibgerät und Medikamentenschachteln. Das Appartement im Seniorenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien erinnert eher an eine Durchgangsstation als an das Zuhause eines Menschen, der es sich im Alter eingerichtet hat, der sich mit präziser Sorgfalt seine Gemütlichkeit und Geborgenheit schafft.

Mit seinen 87 Jahren wirkt Leon Askin wie ein Rastloser. Nicht wie einer, der angesichts seines fortgeschrittenen Alters auf das Ende wartet. Askin redet, plaudert, schwadroniert mit fester Stimme, unterstützt von der flinken Gestik seiner Hände. 1938 floh der Schauspieler und Kabarettist vor den Nazis aus Wien über Paris in die Staaten. So wie Tausende anderer Juden, die wegen des Naziregimes ihre Heimat verlassen mußten. Es waren etwa 180 000 Juden, die vor dem Anschluß an das Deutsche Reich im März 1938 in Wien lebten. An die 100 000, so rechnet man heute, sind emigriert. 60 000 verloren in den Konzentrationslagern ihr Leben. Vor einem Jahr ist Askin zurückgekehrt. In die Heimat? "Ein wirkliches Zuhause gibt es für einen Emigranten nicht mehr", sagt er.

So wie Askin mag es vielen Heimkehrern gegangen sein. Erinnerungen an die eigene Jugend sind gleichbedeutend mit Erinnerungen an antisemitische Parolen und Übergriffe, die sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte zogen. Gleichwohl entwickelte sich Wien zu einer jüdischen Metropole. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Israelitische Kultusgemeinde gegründet. Aus den Ostgebieten der damaligen k. u. k. Monarchie zogen zahllose Juden nach Wien, landeten am Nordfriedhof und siedelten sich insbesondere in dessen näherer Umgebung, dem heutigen 2. Gemeindebezirk, der Leopoldstadt, an.

Die Biographien prominenter Wiener Juden charakterisieren gleichermaßen die Leopoldstadt als eine Art Nukleus der intellektuellen Elite. Sigmund Freud verbrachte seine Jugend dort ebenso wie Arnold Schönberg. Nur wenige Meter entfernt von Arthur Schnitzlers Geburtshaus in der Taborstraße, stand damals das Carl-Theater, wo Johann Nestroy arbeitete. Prominente Literaten wie Friedrich Torberg und Franz Werfel belebten das, was man heute eine Szene nennen würde. Hinweise auf diese jüdische Hochkultur sind auch Namen erfolgreicher Emigranten wie die der Regisseure Billy Wilder und Michael Curtiz.

Noch lange vor dem Naziregime kreierte der Architekt Oskar Marmorek am Nestroy-Platz ein stattliches Bauwerk, das den Namen Nestroy-Hof auch heute noch trägt. Marmorek selbst entstammte einer jüdischen Familie, die aus Galizien eingewandert war. Einer seiner Brüder leitete später das Louis-Pasteur-Institut in Paris und erlangte mit der Entdeckung des Scharlachimpfstoffes Berühmtheit.

Spuren sind es, nicht viel mehr als Spuren, die an den Glanz dieser Tage noch erinnern. Auf das "Intime Theater" im Innern des Hofes vermag lediglich die Innenarchitektur hinzuweisen. Längst haben feine Büros und Privatwohnungen das Haus umfunktioniert, haben sich im Erdgeschoß ein grelles Billardcafé und ein anonymer Supermarkt breitgemacht. Es ist, als ob sich der Fortschritt mit seiner stillosen, willkürlichen Reklamehaftigkeit neben der nostalgischen Eleganz des Nestroy-Hofs selbst karikiert.

Einige wenige Meter entfernt, in der schmalen Tempelgasse, wurde eine jüdische Schule eingerichtet, auf deren Existenz bestenfalls die Wachtposten und Videokameras hinweisen. Daneben stand vormals eine der größten Synagogen der Stadt. Deren Stelle hat heute ein Parkplatz eingenommen. 43 Bethäuser und Synagogen zählte das jüdische Wien bis zu dem Datum, das als "Reichskristallnacht" auf schmerzhafte Weise in die Geschichte einging. Einzig übrig geblieben ist die Synagoge in der Seitenstettengasse. In dem Teil des 1. Bezirks, der Touristen besser als Bermudadreieck, als Zentrum des Wiener Nachtlebens, bekannt ist. Es will nicht ganz zur propagierten guten Laune der Clubs und Szenelokale passen, wenn Polizisten vor der Synagoge und dem Sitz der Israelitischen Kultusgemeinde patrouillieren und in den schmalen Hauseingängen Schutz vor der Kälte suchen. Es scheint, als ob sie ihren Dienst mit einer Mischung aus einer der erwünschten Normalität verpflichteten Unauffälligkeit und demonstrativer Präsenz tun.