Silvio Berlusconi tauschte die Politik gegen die Leitung seines Medienkonzerns ein, der Ferruzzi- und Montedison-Magnat Raul Gardini brachte sich nach dem Ruin seines Imperiums um. Dessen Widerpart Gabriele Cagliari, Präsident der mächtigen Staatsholding ENI, endete durch Freitod im Gefängnis des Mailänder Ermittlungspools "Saubere Hände", und der Olivetti-Präsident Carlo De Benedetti kämpft um das Überleben seines Konzerns. Unter dem halben Dutzend der größten italienischen Wirtschaftsführer kann einzig der Fiat-Präsident Giovanni Agnelli nach Sicherung seiner Nachfolge den Komfort desjenigen genießen, der seine unternehmerische Aufgabe erfüllt hat, sein Werk weiterwachsen sieht und es zugleich von oberster Warte kontrolliert.

Zu seinem 75. Geburtstag am 12. März gibt er das Präsidentenamt bei Fiat auf. Aber als Chef der Familienholding IFI dirigiert er weiterhin das Wirtschaftsreich der Familiendynastie, in dem Fiat die wichtigste, doch nicht die einzige Rolle spielt.

Der Avvocato, wie ihn die Italiener nennen, hat den Fiat-Konzern in den vergangenen beiden Jahrzehnten durch zwei Existenzkrisen gesteuert. Das größte italienische Industrieunternehmen überstand im Alleingang sowohl die Auseinandersetzung mit dem italienischen Linksextremismus der siebziger Jahre als auch den Überlebenskampf, den sich die kapitalistische Konkurrenz Anfang dieses Jahrzehnts um den europäischen Markt lieferte.

Für die Turiner war 1993 das schwerste Jahr ihrer fast hundertjährigen Geschichte. Inzwischen ist das Blatt gewendet. Aus zwei Milliarden Mark Verlust des Jahres 1993 wurde 1994 bereits wieder eine Milliarde Mark Gewinn, und vergangenes Jahr hat sich der Ertrag verdoppelt. Fiat kann den laufenden Investitionsbedarf wieder fast ganz aus eigener Kraft finanzieren. Die beiden neuen Grundmodelle der vergangenen drei Jahre erhielten internationale Anerkennung als "Auto des Jahres". Ihr Markterfolg läßt Fiat darauf hoffen, daß die dafür errichteten Werke bis zur Jahrtausendwende satten Überschuß bringen. Viele Anlagen in anderen Bereichen müssen allerdings noch erneuert werden. Aber wie geht die Fahrt dann weiter? Welches Konzept haben die Konzernstrategen entwickelt, damit Fiat, der einzige noch existierende italienische Autohersteller, mit Schwung die Kurve ins nächste Jahrhundert nimmt?

Eins ist festgelegt: Der Konzern soll unabhängig bleiben. Damit sind 800 Gesellschaften mit 240 Werken in 60 Ländern auf dem Prüfstand. Unabhängigkeit im Autogeschäft zwingt mittlerweile jeden Massenhersteller dazu, Weltmarktpolitik zu betreiben. Elf Prozent Marktanteil in Europa erscheinen zwar beruhigend. In Wirklichkeit täuscht die Ziffer, vor allem, weil der Konzern mehr als die Hälfte davon im Heimatland Italien erzielt, das bis zur Jahrtausendwende von der japanischen Invasion weitgehend abgeschottet wurde.

Weltweit ist die japanische Konkurrenz allgegenwärtig. Das gilt vor allem im Massengeschäft der Kleinwagen und der unteren Mittelklasse, auf das Fiat spezialisiert ist. Wer in Zukunft mitreden will, muß außer auf dem europäischen Markt zumindest in Nord- und Südamerika, auf den Ostmärkten und in Asien stärker auffahren. Und er muß ein weltweit akzeptiertes Image für seine Produkte vorweisen.

Präsident Giovanni Agnelli und Vorstandschef Cesare Romiti hatten im vergangenen Jahrzehnt entschieden, daß mit der arg verspätet begonnenen grundsätzlichen Erneuerung der Produktreihe auch der Fiat-Kundendienst sowie die Qualität und Zuverlässigkeit der Autos als Voraussetzung für ein neues Produktbild deutlich verbessert werden mußten: Fiat startete deshalb eine Offensive, die 1989 das traditionell etwas rostanfällige Produktions- und Verwaltungsgetriebe der Konzernorganisation knirschen ließ; inzwischen läuft es lautlos. Für die neuen Modelle wie Punto, Bravo und Brava gilt ein neuer Qualitätsmaßstab - die besseren Produkte der Konkurrenz.