Jetzt sollen wir verantwortlich sein, wenn das Werk dichtgemacht wird", sagt Klaus Kramm und gießt mit wütendem Schwung Kaffee in die Tasse. Vom Küchenfenster im vierten Stock der Martinuskirchstraße in Frankfurt-Schwanheim hat er einen großartigen Blick auf die Kessel und Türme des Hoechst-Werkes Griesheim, 300 Meter entfernt auf der anderen Mainseite. Vor vier Jahren jagte der Druck einer Knallgasexplosion das Wohnzimmerfenster durch den Raum; vor drei Jahren wehte die giftige gelbe Wolke O-Nitroanisol rechts am Haus vorbei, Samstag vor einer Woche zog die weiße Wolke Pflanzenschutzmittel links über das Grundstück: Ein Kessel war um 6.47 Uhr explodiert, erst am Nachmittag empfahlen die Behörden, die Kinder nicht im Schnee spielen zu lassen. Seitdem muß der fünfjährige Andreas drinnen spielen.

Klaus und Anna Kramm sind seit dem Unfall von 1993 aktiv bei der Schwanheimer Elterninitiative, die mit den Umweltschützern von den "Höchster Schnüfflern und Maaguckern" den Farbwerkern zusetzt.

Arnold Weber, der Betriebsratsvorsitzende von Hoechst, wohnt auch in Schwanheim und ist nicht gut auf Leute wie Kramm zu sprechen. Er fühle sich sicher - statistisch gesehen liege die Unfallquote der Chemie niedriger als die anderer Branchen und die der Hoechst AG noch einmal unter dem Chemie-Durchschnitt. So habe er "kein Verhältnis zu den selbsternannten Umweltschützern: Ich muß um die Arbeitsplätze kämpfen." Es fällt Weber schwer stillzusitzen, so sehr regt der IG-Chemie-Mann sich über die Ereignisse der vergangenen Tage auf. "Herr Dormann, es reicht", sagt er an die Adresse des Hoechst-Chefs, "6000 Arbeitsplätze gingen im Stammwerk verloren - auf dem Werksgelände regiert der Bagger, nicht der Kran."

Eine Woche nachdem eine Reihe von Störfällen bei dem Chemieriesen Hoechst die Bevölkerung benunruhigte, hat die Angst um die Arbeitsplätze die Angst um die Gesundheit bei vielen Hoechst-Mitarbeitern überlagert - und hat den Streit darüber wieder aufleben lassen, wie sich ökologische Visionen und Arbeitsplatzsicherheit vertragen. "Noch vor einer guten Woche bei der Bürgerversammlung im Saal der Schwanheimer katholischen Gemeinde spielte das Arbeitsplatzargument keine Rolle", erinnert sich Hessens Gesundheitsministerin Margarethe Niemsch (Grüne), "das hat sich vollkommen gedreht."

Ausgerechnet die Entschuldigungsrede des Hoechst-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Dormann am Mittwoch nach den Störfällen im Werk Grasheim gab den Anstoß dazu. Zwar zeigte sich der Hoechst-Chef zerknirscht darüber, daß das Vertrauen zwischen Nachbarn und Werk "über Nacht wieder zerstört" worden sei und entschuldigte sich bei den Anwohnern "in aller Form". Auch kündigte er an, ein 150-Millionen-Mark-Aktionsprogramm solle die Meß- und Regeltechnik im Werk Griesheim verbessern. Vierzig Notfallmanager sollen künftig in allen deutschen Hoechst-Werken rund um die Uhr bereitstehen. Zumindest in puncto Öffentlichkeitsarbeit hat Hoechst aus dem Desaster von 1993 gelernt: Nichts vertuschen, das Gespräch mit Bürgern, Politikern, Journalisten suchen, heißt nun die Devise, und unter anderem für diese neue Kommunikationskultur des ehemals arroganten Chemieriesen Hoechst wurde Dormann zum Manager des Jahres gewählt.

Doch die Details von Dormanns Vision einer "stadtgängigen Chemie" ließen die Arbeitnehmervertreter aufhorchen. Das Sicherheitsprogramm habe auch "den Charakter eines Auswahlprogramms". Sei eine Modernisierung "aus technischen oder wirtschaftlichen Gründen" nicht möglich, stehe die Schließung an. Man müsse sich fragen, "wieweit wir chemische Produktion dieser Art in einem Ballungszentrum wie dem Rhein- Main-Gebiet aufrechterhalten können". Im Interview mit dem Spiegel wurde Dormann anschließend noch konkreter: "Ob es in zehn Jahren noch den Standort Griesheim geben wird, das halte ich für zweifelhaft."

Ein Schock für Betriebsrat Arnold Weber: "Jahrelang habe ich gegen überzogene Umwelt- und Sicherheitsauflagen gekämpft, und jetzt schließen Geschäftsleitung und Umweltschützer einen seltsamen Pakt gegen die Arbeitnehmer."