Was will der Mensch? Raus will er immerzu. Weil er will oder weil er muß. Und weil es dort, wo man ist, keine Gerechtigkeit gibt. Wie Wilhelm Voigt sagt: "Ich muß doch da raus! Sonst war ja alles umsonst!" Die Frage ist nur: wohin? Als erstes aber: wie? Ohne das Wie geht gar nichts. In Berlin stehen vier Schiffe bereit zur Flucht, Theaterschiffe, naturgemäß. Das Geisterschiff am Schiffbauerdamm, der Panzerkreuzer am Rosa-Luxemburg-Platz, der Luxusdampfer am Lehniner Platz, das Vergnügungsboot am Festungsgraben. Sie fahren - Laune der Geographie! - in vier verschiedene Himmelsrichtungen. Das Berliner Ensemble schaut nach Osten, die Volksbühne nach Westen ausgerechnet, die Schaubühne nach Norden, das Maxim Gorki Theater nach Süden. Sie werden einander nicht streifen, nur zuwinken.

Zwei wie Nord und Süd sind wiederauferstanden. Edith Clever, Heroine des E-Theaters, und Harald Juhnke, Volksheld des U-Theaters. Die Rolle des Stehaufmannes gehört zum volkseigentümlichen Wesen Juhnkes, die Clever aber glaubten wir längst entschwunden. Der Regisseur Hans-Jürgen Syberberg hatte sie vor zehn Jahren Peter Stein und der Schaubühne entführt, verführt zu einem monadischen Preußinnendasein auf Deutschlands Tourneebühnen. Wieder auf sich gestellt, spielte Clever bei Stein in Salzburg, etwas befremdlich, und inszenierte mit Schauspielstudenten Goethe, klassizistisch fremdelnd. Zurück gab es keines mehr, nur noch die Flucht nach vorn: hinein ins Herz ihres Lebenstheaters Schaubühne, in diese heiligen Hallen, wo man die Rache kennt. Als "Medeia" in eigener Regie.

Edith Clever schreit. Es ist ein Schrei, wie wir ihn noch nie gehört haben. Die gute Elisabeth Orth als Amme hat gerade Medeias schlechte Karten auf den Tisch gelegt (Gatte Jason hat sie um der Königstochter willen verlassen, der König will sie ausweisen), da hebt im Hintergrund ein Klagen an, das buchstäblich durch Mark und Bein geht. Eine Betrogene weint, eine Wölfin heult, ein Lamm blökt in Angst, eine Stimme vergißt sich, eine Gefolterte stöhnt. Lange. Kann eine danach eigentlich noch auftreten?

Edith Clever kann. In weißes Tuch gewickelt, tastet sie sich vorsichtig durch die Türe. Ihre Stimme leise, zart, bestimmt. Ihr Gesicht gebleicht, aber nicht bleich. Ihre Gesten gezielt und in Form. So durchmißt Medeia in zwei Stunden noch einmal ihre falsche Erde, von Susanne Raschig als die Scheibe gebaut, von deren äußerstem Rand Medeia kommt, an deren äußersten Rand Jason sie zurückwünscht.

So wie uns an diesem Abend muß es den Argonauten auf dem Heimweg von Kolchis ergangen sein: auf schaukelndem Boot hin und her gerissen zwischen den Sirenen und dem Gegengesang des Orpheus, zwischen Medeias schrecklichem Wehschrei und ihrer sanften schwarze Messe. Wäre dieses Entsetzen hinter der Bühne nicht, wir würden das Spiel auf der Bühne als irgendwie zu schick, als zu schicklich empfunden haben. So aber steht Eleganz für Façon. Und warum auch soll Raserei nicht im Gewand der Haute Couture daherkommen? Die Könige tragen Vlies-Mäntel wie von Kenzo, Medeia einen schwarzen Zweiteiler wie von Yamamoto. Ein Palast mit Stil aus Japan. Bühnendesign auf der Höhe der neuen Einfachheit. Mit Chorgesang auf der Höhe der klassischen Moderne (Komposition und Schlagwerk: Frau Robyn Schulkowsky).

"Interpretation" ist das noch keine, will es auch nicht sein. Eine Frau wird betrogen wie viele vor ihr und nach ihr. Freunde und Feinde, Amme, Gatte, zwei Könige, ja sogar der Chor reden auf sie ein, sie solle sich nicht so aufregen, es gebe Schlimmeres, bis endlich das Schlimmste passiert. Ein Fall von bürgerlicher Ehetragik, hundertmal neu gedichtet, tausendmal in den Euripides hineingehauen. Nicht von der Regisseurin Edith Clever. Das Geheimnis dieser Aufführung ist, was nicht gezeigt wird: die Kinder, die Medeia tötet (hier: Figurinen von embryonaler Größe), die getroffene Medeia. Was die Grenzen der Vorstellbarkeit übersteigt, wird nicht vorgestellt. Unpsychologisch aus Respekt vor der Psychologie. Drei Frauen, Regisseurin, Bühnenbildnerin, Komponistin, haben sich getroffen, eingeladen von einer vierten, der Intendantin Andrea Breth. Sie entdeckten im Mythos eine moderne Mystik. Mit der Clever als ihrer ersten Zauberin.

Ein Schiff sollte Medeia wegbringen, so haben die kleinen Menschen sich das vorgestellt. Die Götter aber haben Edith Clever nicht vergessen und holen sie zu sich nach oben. Auf einem goldenen Ring stehend entschwindet sie schließlich, emporgetrieben von einem goldenen Windrad. Dann Stille. Und am Ende wieder dieses Schreien.