Helmut Kohl ist, zum Glück für sein Land und für Europa, ein Außenpolitiker von geradezu schlafwandlerischem Instinkt. Am vergangenen Wochenende mahnte er die in München versammelten Strategen der westlichen Welt, endlich mehr über die psychologische Situation in Moskau nachzudenken. "Wir sollten zu keinem Augenblick vergessen, daß die Russen ein großes Volk sind." Damit verband er den Appell, die Debatte über die mögliche Ost-Erweiterung der Nato bis nach den russischen und den amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu vertagen.

Das leuchtet ein und will dennoch nicht befriedigen. Denn das Kerndilemma westlicher Ostpolitik ist doch dies: Die Staaten Mittel- und Osteuropas streben in den westlichen Sicherheitsclub. Rußland aber, wegen seiner Größe und der Größe seiner Probleme, bleibt dieser Zugang verschlossen, selbst wenn es ihn wünschte. Öffnet die Nato sich für Osteuropa, droht deshalb die Isolierung Rußlands; gibt sie dagegen dem Verhältnis zu Moskau den Vorrang, steigern sich die Sorgen Osteuropas zu Ängsten.

Die Antwort muß deshalb lauten: Beides ist nötig, die Erweiterung der Nato wie die Einbeziehung Rußlands in einen ständigen Dialog. Die Bereitschaft zur Öffnung war ja nicht mehr als die natürliche Reaktion des Westens auf das Ende des Kalten Krieges. Denn nun heißt der Feind nicht mehr Sowjetunion, sondern Instabilität, ist die Nato kaum noch als militärischer Schutz, um so mehr als politischer Rückhalt gefordert.

Nur ist Stabilität in Europa nicht ohne Rücksicht auf die Interessen und Probleme Rußlands zu erreichen. Es war naiv zu glauben, Moskau würde in einer Erweiterung der Nato, die Osteuropa stabilisiert, zugleich den eigenen Vorteil erkennen. Und auch die jüngst aufkeimende Hoffnung, durch den Erfolg des gemeinsamen Friedenseinsatzes in Bosnien würden jene in Rußland eines Besseren belehrt, die in der Nato immer noch den alten Feind sehen, erscheint als eher frommer Wunsch. Das Zusammenwirken von Soldaten aus Rußland, Osteuropa und den Nato-Staaten in der Ifor-Truppe auf dem Balkan ist eindrucksvoll. Doch gleichzeitig ist offensichtlich, daß die Osteuropäer auch mitmachen, damit sie um so schneller in die Nato einziehen, die Russen jedoch mittun, um gerade dies besser zu vereiteln.

Die Nato-Öffnung auf Eis zu legen, wie manche auch im Westen angesichts der Moskauer Proteste und Drohungen empfehlen, wäre fatal. Die Nato hat sich längst und immer eindeutiger zu der Öffnung nach Osten bekannt; ein Rückzieher würde zum Signal dafür, daß der Westen Osteuropa als russische Einflußzone akzeptiert. Auch die reformfreudigste russische Führung würde darin die Bestätigung sehen, daß Drohungen als Mittel der Politik sich immer noch auszahlen. Deutschland schließlich würde alten Versuchungen und Gefahren ausgesetzt. "Es ist absolut notwendig", hat deshalb auch Helmut Kohl in München betont, "die Nato-Öffnungsposition beizubehalten, damit nicht Befürchtungen über eine russisch-deutsche Dominanz in Europa aufkommen."

Beides muß zusammenkommen: Die Nato wird neue Mitglieder aufnehmen müssen, zugleich muß sie die Kooperation mit einem Rußland, das nicht Mitglied werden kann, auf eine tragfähige Grundlage stellen. Das verlangt eine ständige gemeinsame Nato-Rußland-Organisation, in der Moskau Anerkennung wie Gehör finden kann. Dem Westen böte sie die Möglichkeit, russisches Denken zu beeinflussen und auf künftige Krisen und Konflikte nachhaltiger einzuwirken als nur durch Anklagen oder Appelle - wie im Falle Tschetscheniens.

Niemand wird Helmut Kohl darin widersprechen, daß die künftige Sicherheitsstruktur Europas nicht im Hauruckverfahren entstehen kann. Mit bloßer Rücksichtnahme auf russische Empfindlichkeiten jedoch ist es auch nicht getan. Moskau wird aus der selbstgestellten Falle der Isolierung nur herausfinden, wenn Boris Jelzin und seine Nachfolger erkennen, daß die neue Nato nicht eine Gefährdung, sondern eine Voraussetzung für die Stabilität auf dem europäischen Kontinent ist. Der Westen sollte ihnen dies durch den Vorschlag konkreter institutioneller Zusammenarbeit erleichtern. Vielleicht kann der Kanzler, wenn er Mitte Februar nach Moskau reist, seinen Gesprächspartnern mit der ihm eigenen Einfühlungsgabe solche Überlegungen näherbringen.