Catherine David, die Direktorin der documenta X, ist eine intelligente und eloquente Frau. Und deshalb beantwortet sie Fragen, indem sie ausführlich auf andere Fragen antwortet. Seit sie vor knapp zwei Jahren zur Leiterin der documenta, der immer noch größten und wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst, gewählt wurde, will die ins Kunstleben verstrickte Welt von Catherine David wissen, wen und was und wieviel wovon sie auf ihrer documenta zeigen wird. Und standhaft hat sie diese Fragen ignoriert und dafür nicht gestellte Fragen beantwortet: daß sie keinen Markt, keinen Zirkus, keinen Grand Slam in Kassel inszenieren will; daß sie von Konzepten, die dann zu illustrieren sind, nichts hält; daß die documenta für sie ein kulturelles Ereignis und keine Kunst-Ausstellung ist; daß Filme sie in den letzten Jahren oft mehr beeindruckt haben als Werke der bildenden Kunst.

Einen Film zeigte Catherine David Ende letzten Jahres dann auch, als es um eine documenta-Vorstellung ging, die an verschiedenen Orten annonciert war. Keinen Kunst-Film, sondern einen Film von Raoul Peck über den Tod von Lumumba, dem ersten schwarzen und demokratisch gewählten Regierungschef des Kongo, der von seinen eigenen Leuten ermordet wurde. Lumumba und die documenta? Kein Kommentar.

Statt dessen jetzt ein weiteres Umwegsangebot, dem Ziel allerdings schon erheblich näher, bei dem Catherine David die Fragende ist und andere darüber extemporieren läßt, was es mit der Kunst heute auf sich hat. Und wieder sagt sie eher weniger, aber dafür um so mehr durch die Partner, die sie sich für diese Gespräche ausgewählt hat. Zum Beispiel Paul Virilio, der wortreich erklärt, daß die Zeit der "Inskription der Kunst", die mit der Höhlenmalerei begann, mit der Land Art endgültig beendet sei. "Dislokation" heißt das neue Stichwort, die Kunst hebt ab in die Virtualität. Sie findet statt, aber sie muß nicht bleiben.

Das erste dieser "working-papers" genannten Dokumente, in dem Catherine Davids Gespräch mit Virilio zu lesen ist, wird Ende der Woche auf der ARCO-Kunstmesse in Madrid vorgestellt ("documenta-Dokumente", Cantz Verlag, Ostfildern; 68 S., 24,- DM). Und wir dürfen uns immer noch keinen Vers auf die d X machen, außer natürlich im Cyberspace a la Virilio, der im Dokumente-Heft locker durchsetzt ist mit Photocollagen von Erik Steinbrecher, die eine mögliche documenta-Spur durch Kassel legen. Dürfen uns nur allmählich ein Puzzle zusammensetzen, irgendwo beginnend, im Juni 1997 in Kassel endend. Und nachdenken über Catherine Davids Wort von der "Retro- Perspektive", das sie im Tischgespräch mit einem schönen, sehr konkreten Bild erklärte: "Man schaut in den Rückspiegel, wenn man nach vorn fährt, besonders wenn man schnell fährt." So ist es!